Month: February 2016

Wenn du hungerst, hungert auch dein Herz…

… und wenn dein Herz langsam verhungert, dann wird selbst das Paradies zur Hölle. Glaub mir, ich bin Schweizerin.
Kopfnicken rundum, die Schweiz ist das Land der Fülle, ein sicherer Hafen in der sicheren Umarmung der unerklärlich majestätischen Schönheit der Alpen, die sich in dünne Lüfte türmen, als ob sie den Himmel streicheln wollten. Ein Land auch, in dem Menschen mit nicht ganz mundgerechten Dialekten ihre Gabeln in Käsesuppen drehen. Nun gut, da bin ich also, im einem kleinen Himmel im Herz von Europa.

Wie konnte es nur passieren, dass ich aus dem heiligen Garten geschmissen wurde? Wie konnte es passieren, dass ich das Glücksgefühl eines schmelzenden Stücks Schokolade auf der Zunge nie ohne Schuldgefühle geniessen konnte? Wie konnte es passieren, dass ich nie unbeschwert Skifahren ging, segelte, mein kleines Paradies erkundete? Wie konnte es passieren, dass ich nie in den glitzerblauen Bergseen—die einem vor Kälte den Atem verschlagen—nackt baden ging? Wie konnte es passieren, dass ich mich einsam fühlte obwohl ich von lächelnden Menschen umgeben war? Wie konnte es passieren, dass ich mich, je erfolgreicher ich in meinem Beruf als Moderatorin bei Schweizer Radio SRF wurde, innerlich immer leerer und kälter fühlte? Wie konnte es passieren, dass ich mich nie wie eine “richtige“ Frau fühlte, und mich lieber versteckt hätte, wenn ich Blicken ausgesetzt war? Wie konnte es passieren, dass ich mich nie unbeschwert nackt zeigen konnte?
Wie konnte es passieren, dass ich mich unbewohnt fühlte, eigentlich eher nur als Kopf, der an ein ungeliebtes Vehikel angeschraubt schien?

Ich fühlte mich nicht genug.

Und ich war damit beschäftigt, all meine “Mängel“ entweder zu verstecken oder zu versuchen, sie “wieder gut“ zu machen. Irgendwie logisch, denn die Botschaft, die ich vermittelt bekam als ich aufwuchs, war so messerscharf klar, dass ich sie nie in frage stellte: “So wie du bist, genügst du nicht“.
Meine innere Stimme erinnert mich tagein, tagaus daran und brüllt mir zu, ich solle endlich meinen Arsch bewegen, weil—döööh!—wer will schon eine Versagerin sehen!

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Auf dem Gipfel meines Trips ins Dünnland.

Ich war so gewohnt, keine Bedürfnisse zu haben, mich durchzuboxen, keine Schwäche zu zeigen, dass ich die Verbindung zu mir selber verlor.
Scheint mir eine ziemlich wasserdichte Methode, um sich aus einem heiligen Garten zu schmeissen.

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Ich fühlte mich grässlich. Aber von rundum bekam ich Komplimente für meinen Körper.

Der Rausschmiss fand langsam statt.
Ich wuchs in schmerzhaft zerrütteten Verhältnissen auf. Vernachlässigung war ebenso ein Thema wie Gewalt und Alkohol. Was sich allerdings als erstaunlich folgenschwer herausstellte, war die erste Diät, auf die meine Mutter mich mit fünf Jahren setzte. Das lächerliche bisschen Babyspeck um meinen Kinderbauch war genug für das Jahre andauernde Bootcamp, das dann folgte.

In der Pubertät, kurz nach dem Tod meiner Mutter, als ich endlich wieder frei essen durfte, tat ich genau das. Ich ass. Mit Gusto! Und natürlich begann ich zuzunehmen. Das ging eine Weile gut. Nicht lange. Mit 20 packte mich das Grauen, dass ich so nie geliebt werden würde und ich griff zum einzigen Mittel das ich kannte: Diät.
Am Anfang war das natürlich harmlos und funktionierte auch prächtig.
Siehe da, ich wurde beachtet, mir wurden Komplimente gemacht.
Aber wie es so ist mit Diäten: es wurde irgendwann immer härter, das Gewicht unten zu halten. Also, dachte ich, noch mehr Sport, noch mehr Einschränkungen beim Essen.
Noch mehr Regeln. Noch mehr Angst.

Es war nie “gut genug“. Über die Jahre wurde das zu einer höllischen Lawine, die mich unter sich begrub. Ich wurde ein Profi darin, mich selber zu geisseln und der Glaube, ich sei nicht gut genug, konnte sich ungebremst in meine Seele brennen. Nur, je dünner ich wurde, desto zwanghafter und ängstlicher wurde ich.
Wo war denn jetzt das versprochene Glück, von dem alle säuselten?
Wo das Zugehörigkeitsgefühl, das doch jetzt hätte aufkommen sollen?
Wieso klappte das bei mir nicht?
Alles was bei mir klappte, war, dass mir irgendwann der ganze Körper weh tat vom exzessiven Sporttreiben und entweder Nichts- oder Alles-Verschlingen?

Natürlich verschwanden die Probleme mit Dünnsein nicht.
Im Gegenteil. Ich bekam noch eine ganze Menge neuer dazu.
Keine Menstruation mehr, keine Libido (war da nicht mal was??), bleierne Erschöpfung, Stressfrakturen, Schlaflosigkeit, Isolation…
Absurderweise war ich aber immer noch überzeugt, das sei alles wegen meinem Körper. Klar doch, wenn DER schön aussehen würde, dann hätte ich doch ein glückliches Leben, könnte endlich alles geniessen! Logisch musste ich den zuerst “flicken“! War es nicht seine Schuld, dass ich nirgends hinkam mit meinem Leben?
Was tat Madame also? Das, was sie immer tat: sie zog die Daumenschraube noch etwas an.

Du kannst dir in etwa vorstellen, wie sich mein Leben anfühlte. Wie eine winzige Gefängniszelle. Meine Kreativität warf sich resigniert aus dem Fenster, Spontaneität war kein Thema mehr, und ich fühlte mich vollkommen verzweifelt und verloren. Eingeklemmt in Zwängen, Ängsten und dem Gefühl, im Treibsand der Scham zu versinken. Ich hatte vor allem Angst, vertraute mir selber nicht mehr—geschweige denn meinem Körper.

Auf gut Deutsch: als ich mein lang ersehntes Traumgewicht erreicht hatte, war ich innerlich tot.

Nun gut. Und jetzt?
*alle warten auf das Grande Finale…*

Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass dies alles nun Jahre her ist, und dass ich es heil und sicher auf die andere Seite all meiner Ängste und Zwänge geschafft habe.
Aber nein. Sorry.
Ich stehe immer noch in Crazydorf. Aber ich habe schon ein paar Dinge gelernt.
Ich habe gelernt, dass meine Dämonen nur mit Selbstliebe und Selbst-Mitgefühl zur Ruhe gebracht werden können. (—Ahem, das sind zwei Wörter, die bis vor kurzem in meinem Vokabular schlicht inexistent waren.)

Was ich dieser Tage tue, wenn mein innerer Kritiker die Lautstärke aufdreht (“Schau dich an!“—“Du lässt dich gehen, grauenhaft!““Logo, deine Mutter hatte RECHT. Du hast dich nicht im Griff. Schau bloss mal deinen Bauch an! Kein Wunder wird das nie was mit dir.“—“Ach ja, und vergiss Kuchen und beweg deinen Hintern ins Training.“—Du weisst wie ich meine, das teuflische Lirum-Larum) und ich mich selber bekämpfen will, dann versuche ich mich bewusst daran zu erinnern, wie ich mich am tiefsten Punkt fühlte. Und ich versuche mich noch bewusster daran zu erinnern, dass kein noch so dünner Körper je etwas das Problem löst.

Nur Selbstliebe kann das.
Und Selbstliebe tönt nicht nach Hungerkuren.

Starving yourself means starving your heart.

And if your heart is starving, even paradise turns into hell. Believe me, I’m Swiss.

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At the height of disordered eating and exercising obsessively…
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… I was praised for my “discipline” and “great body”. Listen: I felt MISERABLE.

Now, nods all around, Switzerland is the land of plenty in the snug embrace of the inexplicable beauty called “The Alps”, massive foundations of rock standing together, kissing the sky. Where slightly weird-talking creatures stir their forks in cheese-soup.
So, great, here I am, in the heavenly haven somewhere in the middle of Europe.

How come I got kicked out of this holy garden?
How come I never got to enjoy that sweet bliss of a melting piece of chocolate on my tongue without feeling guilty?
How come I didn’t ski, didn’t sail, didn’t explore that paradise of mine?
How come I never skinny-dipped in those pure indigo mountain lakes that manage to be cold enough to take your breath away and still make you feel like you just exploded into pure sensuality?
How come I was lonely, when I was surrounded by smiling people?
How come that the more successful I was as a national radio host the emptier I felt inside? How come I never quite felt like a real woman and never felt at ease when naked or feeling watched?
How come I felt uninhabited, like a head was stuck to a vehicle it didn’t like?
How come my smile, my whole life, became nothing more but a waxy facade?

I felt I wasn’t enough.

And oh boy, was I busy trying to make up for all that I thought I was lacking!
Mind you, the message I got when I grew up was clear, so clear that I never questioned it: “You’re a burden and need to be fixed.”
My inner voice reminds me of this all day, yelling: “Get your sorry ass moving already! No one wants to see a failure!” I was so used to not having needs, and to whiteknuckle it through, that I eventually lost the connection to my real self.
That’s a pretty surefire way to kick your own butt out of any holy garden.

The kicking out itself, of course, began very early.
I grew up in painfully dysfunctional circumstances where alcohol, violence and rejection were daily business. What turned out, quite interestingly, to be the thing that eventually, much later, brought me to my knees was the diet my mother put me on when I was five (and slightly chubby at best.)
In puberty, shortly after my mom passed away, and I could finally eat without being shamed, I started to gain weight. At 20, the demons were back, body shame kicked in full on. I freaked out and did the one thing I knew to do: I went on a diet.
That, of course, started out pretty harmless and worked amazingly well in the beginning. Wow! Suddenly, I got noticed, I got compliments, I finally felt like I belonged.
But as diets go, they never work long-term.
To keep the weight down, I had to steadily increase the amount of exercise, and steadily decrease the calories I ate. Seems like I have too much discipline for my own good, because, I took this way too far. No matter how much (or how little) I actually weighed, I never once felt “good enough”. To be clear: we’re talking DECADES spent with various combinations of calorie counting, excluding food-groups, fasting, inevitably ending up stuffing my face and, of course, punishing myself with daily exercise to the point of sheer exhaustion.
In the meantime, a whole shitload of issues started showing up (—surpriiiiise!):
Loss of period, loss of libido, anxiety, insomnia, depression, injuries…
As I saw it, those were the body’s fault, too! Wasn’t IT to blame that I never got anywhere?Because, goddamnit, if only this stupid thing were perfect, I’d finally have a LIFE!
I figured that I had to go at it even harder.
Well, suffice it to say that my life started to resemble an existence in a tiny prison cell. My creativity was out the window, spontaneity was not a thing anymore, and I felt completely lost and desperate. Compulsions and obsessions bloomed, the body went numb, my anxieties skyrocketed, my whole existence was soaked in shame. I was afraid of everything and everyone, didn’t trust myself, let alone my body.

It was then, when I was at my long-dreamed-of lowest weight in my life, that I felt literally dead inside. Sure you’re still dreaming of being thinner?

So now what?
*everybody waiting for the final happy sentence*

I wish I could tell you that all of this was years ago and that I made it safely to the other side of all these fears and compulsions. But no. Bummer. Sorry.
I’m still in Messville. But I’ve learned a few things already.
I’ve learned that demons of that kind can only be battled with self-love and self-compassion (read: words that sure as hell didn’t exist in my previous vocabulary).
So, these days, when my inner critic turns up the volume (“Look at yourself!!”—You’re letting yourself go.”—”Clearly, your mother was right. You’ve got NO control whatsoever.”—”That belly! Yuck!!! Forget cookies and get your ass down to the gym.”—You know, the old yaddayadda…) and I want to go with war with myself, I try to consciously remind myself of my skinniest days and the fact that no skinny body will ever fix anything.

Did you hear, dear?

No skinny body will ever fix anything.

Only self-love will do that.
And self-love doesn’t sound like starvation.