Month: April 2016

“Bikini-Body”?—Ich kann das Wort nicht mehr hören.

Kaum steht der Sommer an, kaum könnte Vorfreude aufkommen, geht’s prompt wieder los mit der ewig gleichen, öden Propaganda:
“Superschlank in 30 Tagen!“
“Superfit dank Bootcamp-Training!“
“Supergesund durch Fasten“
“Superharte Bauchmuskeln in drei Tagen!“

Argh. Schon macht die Badesaison keinen richtigen Spass mehr.
All die leeren Versprechen, dass wir über Nacht sciencefictionartige Göttinnen werden können, wenn—und nur WENN—wir dafür unser Geld, unsere geistige Kapazität, unsere wertvolle Zeit und—alles in allem—unsere Würde hergeben. Da wird uns immer wieder die gleiche Karotte vor die Nase gehängt. Und wie die sprichwörtlichen Esel laufen wir selbiger hinterher. Unseren Selbstwert opfern wir der Überzeugung, dass wir, so wie wir genau jetzt sind, nicht hübsch/schlank/fit genug sind, um einen Bikini anzuziehen und den Sommer schamlos und mit allen Sinnen auszukosten.

So wie das Wort “Bikini-Body“ herumgereicht wird, könnte man meinen, es sei eine Art Ehrenabzeichen für die, die mehr Wert sind als alle andern. Wie bitte? DAS LUPFT MIR SOWAS VON DEN DECKEL. Echt. Hat die Menschheit den Verstand verloren? Argh. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man mal eine Sekunde innehalten und sehen, wie lächerlich das Ganze ist.
Da aber die meisten von uns diese Botschaften ungefragt übernehmen, laufen wir ständig dieser Karotte vor unserer Nase nach. Zwangsläufig kennen auch die meisten von uns das folgende Trauerspiel erlebt… Hunger, miese Laune, sonderbare Besessenheit mit allem, was essbar ist, Verlust der gelassenen Lebensfreude, verschwendetes Geld, verpasste schöne Momente und dann, früher oder später, das “Versagen“, für das wir auch noch die Verantwortung übernehmen.

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Meine Trainings machen immer SOLCHEN SPASS! Nicht.

 

Warum, kann man sich fragen, rennen Frauen von einem restriktiven “Lifestyle“ (das Wort “Diäten“ wurde marketingwirksam ausgetauscht) zum andern, von einer “Entgiftungskur“ zur nächsten, von einer “Fastenwoche“ zur nächsten, und erschöpfen sich mit immer härteren Ausdauertrainings und ursprungsentfremdetem Poweryoga, nur um Kalorien zu verbrennen? Warum sind Frauen bereit, sich selber wie Sklaven zu behandeln, nur damit die “hartnäckigen letzten 5 Kilos“ noch verschwinden?
Wahrscheinlich nicht, weil es so UNGLAUBLICH VIEL SPASS macht, oder?
Wahrscheinlich auch nicht, weil es langfristig eh NICHT funktioniert, oder?
Und HOFFENTLICH auch nicht, weil sie im Leben keine grösseren Träume haben.
Also, wieso? WIE–SO?

Logisch. Zum einen ist das weil in den Medien nur ein einziger Körpertyp repräsentiert wird. Wir werden alle konstant mit der Botschaft bombardiert, dass wir alle so aussehen können, und dass wir uns am Riemen reissen müssen um dazuzugehören. Und schon schämen wir uns und fühlen uns schuldig, wenn wir nicht aussehen wie die Frauen und Männer auf den Hochglanzfotos. Und Werbung? Hör mir bloss auf. Von Autos über Frühstücksflocken, Ferienreisen, Katzenfutter, Kopfwehtabletten bis hin zu Kontaktlinsen; die Menschen, die wir zu sehen bekommen, entsprechen dem allerkleinsten Anteil der tatsächlichen Bevölkerung.
UND dann sind sie noch gephotoshoppt. Meine, bitteschön. Logisch. Wer bleibt da schon immun dagegen.

Die Zahlen lügen nicht, es sind nicht viele, die immun sind. Alleine in den USA verdient die Diätindustrie 60 Milliarden Dollar an unserer Scham. 60 MILLIARDEN DOLLAR!
Das ist eine verdammte Menge Geld. Heisst: Das ist eine verdammte Menge Leute, die eine verdammte Menge Geld ausgeben, um das Versprechen vom Glück am Ende des Diätregenbogens zu erreichen. (Und solltest du tatsächlich immun dagegen sein, bitte sag mir, wie du das schaffst!)

Ich gehörte auch zu denen. Jahr für Jahr für Jahr versuchte ich, meinen Körper zu “verbessern“.
Den ganzen Tag nichts essen, nur abends. Keine Ausnahmen. (8 ganze Jahre lang!!)
Schwindel vor Hunger.
Unausweichlich die Essattacken.
Gestört anstrengendes Sport-Regime (täglich, 8 Jahre lang), das meinen Körper letzten Endes völlig auszehrte. (Wofür ich notabene ständig Komplimente bekam. “Wow!“ sagten sie. “Du bist so diszipliniert, ich wünschte, ich wäre wie du!“ Ähm, nein. Das willst du nicht.)
So wie wir es ihnen vormachen, hetzen heute immer jüngere Mädchen dieser Fantasie hinterher. Es wird gehungert, von freudlos bis zwanghaft eingeschränkt gegessen, obsessiv Sport betrieben, nicht selten gekotzt (was mir zum Glück nie gelang), von Schönheitsoperationen geträumt und alles aufs Spiel gesetzt, um den “Traumkörper“ zu erreichen. Ich glaube, die einzigen die all dies wirklich “traumhaft“ finden sind die grossen Fische der Diät-Industrie.

In Wahrheit sind wir nicht gemacht, um alle gleich auszusehen. Genau so, wie kein Apfelbaum dem anderen gleicht, und jeder Apfelbaum ein kleines Wunder ist, ist es auch bei uns. Hören wir auf, unsere Äste, Blätter, Früchte und Baumstämme miteinander zu vergleichen und uns mies zu fühlen. Bäuche sind nicht da, um flach zu sein, kein Po muss so aussehen wie der retouchierte von J-Lo. Keiner von uns muss einem Ideal entsprechen, jeder Mensch ist gleich liebenswert, und alle dürfen sich so annehmen und zeigen, wie sie sind.

Ich will eine Generation Mädchen heranwachsen sehen, die mit gesundem Stolz in ihren einzigartigen Körpern wohnen und die ihre Lebenszeit damit verbringen, Grosses zu bewegen. Die den Märchen über den “Bikini-Body“ nicht mehr auf den Leim gehen.

Jeder hat einen “Bikini-Body“.
Immer.
Der Sommer gehört dir!
In jeder Körperform.

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“Bikini-Body”? Why I can’t even with this word.

Summer peeks around the corner and – bam! – here they are, the same lame claims as every year:
“Super-skinny in 30 days!“
“Super-toned thanks to bootcamp-workouts.“
“Super-healthy with this detox-fast.“
“Super-steely six-pack-abs in three days.“

They take all the fun out of the bathing season, right?
With the empty promise to turn into some avatar-style goddess within a few weeks (if, and only IF, we’re willing to free ourselves of our money, our mental capacity, our precious time, and—overall—our dignity) a carrot gets hung in front of our noses. And as the proverbial donkey, we start going after it. Our self-worth is hijacked, and we become convinced that we’re not cute/skinny/toned enough to wear a bikini the way we are right now, and that we therefore can’t shamelessly enjoy the heck out of summer.

The way the word “bikini-body“ is being tossed around, we’ve come to believe that it’s a badge of honor indicating our worth—WHICH IS FLIPPING ENRAGING! I mean, seriously. Has humanity lost its mind? Argh. If it weren’t so tragic, we could stop for a second and see how ridiculous it all is.
But because most of us bought into this crap, we have obediently started to go after that carrot dangling in front of our noses. Inevitably, just as many of us have experienced the ensuing misery: Hunger, shitty mood, peculiar obsession with anything food- and/or fitness-related, loss of carefree joy of life, loss of self-worth, missed out opportunities for sweet memories with friends and loved ones, and—sooner or later—THE FAILURE. For which we took the blame, every time.

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My crazy workouts were SO MUCH fun. Not.

Why, one might ask, do women run from one restrictive “lifestyle“ (they can’t be called diets anymore, these days, that would be too obvious) to the next, be it by detoxing, fasting, clean-eating, low-carbing (read: zero-fun-eating) and—at the same time—exhaust themselves with increasingly insane workout-habits? Why are women willing to treat themselves like slaves just to lose those “last 10 pounds“?

Probably not because it’s SO MUCH FUN, right?
Probably not because it’s NOT working for them long-term, right?
And HOPEFULLY not because they don’t have bigger dreams in life, right?
So, why? WHY?

It’s logical. For one, there’s only one single type of body that is being represented in the media. We are literally being bombarded by the message that, we can ALL look like that, and that we better get our damned asses moving if we want to be accepted in society.
So we start to feel guilty and ashamed for not looking like the people we see on TV and in the magazines. And don’t get me get started on the ads! From cars to breakfast cereal, from travel companies to cat food, from headache medicine to contact lenses; the men and women we see make up the very smallest percentage of the general population.
AND they’re photoshopped. Please. How could anyone be immune to that?

In the US alone, the diet-industry is making 60 billion Dollars off of our body-shame. 60 BILLION Dollars! That, my friends, is a fucking lot of money. Read: That’s a fucking lot of people spending a fucking lot of, just to find that happiness that’s being promised at the end of the diet-rainbow. (So if you belong to those few who went unfazed by all that toxicity, tell me how you do it!)

I was one of believers. Year after year after year I did my very best to “better“ my body.
Restricting food all day, only eating dinner. No exceptions (for 8 years straight).
Brainfog from hunger.
Inevitable binge-eating attacks.
Punishing exercise routines (daily, for 8 years straight) that drove me into the ground. (Mind you, people applauded me for it. “Woooow!” they said.“You’ve got so much discipline, I wish I could be like you“… Uhm. No. You don’t).

And since we are leading examples, girls start to go after that dream-body at ever younger ages. There is hungering, joyless-to-compulsively restrictive eating, obsessive exercising, in many cases vomiting (at which I—thank GOD—never had any success), dreaming of cosmetic surgery. Everything; just to be skinny. Yet the only ones who get to be as happy as everyone is dreaming to be, are the giants of the diet-industry.

In truth, we all aren’t meant to look the same. Just as no apple tree looks exactly like any other, and just as every apple tree is a small miracle, so are we. Let’s stop comparing our branches and leaves, our fruits and trunks with the trees surrounding us and feeling miserable. Bellies aren’t supposed to be flat, and no ass is supposed to look like the photoshopped version of J-Lo’s. None of us is meant to “fit an ideal“. Each and every one of us are exactly as lovable as everyone else, we are all more than allowed to fully accept ourselves and show up at the beach.

I want to see a generation of girls growing up to be proud in their unique bodies. To live in them with confidence and ease, and to spend their time, creating great stuff in this world.

Screw those who want to go after some sort of “bikini-body“.
You already have it.
Summer is yours!
At any size.

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I swear I wanted to swear. But I can’t.

Talking about diet-culture makes me want to use reeeeaally harsh words. In fact, you have no idea what kind of hellraising words pop into my head when I think about all the lies that we’re being fed on a daily (hourly? secondly??) basis.

– When I think about how my mother never lived to see, let alone believe another truth, how she tried and tried to manipulate her weight into a thinner shape, even though she never had much jiggle to get rid of.

– When I think that I never even once saw her happy or relaxed in her own body. And never will.

My mother. She never made it out alive.

– When I think that she, in turn, put ME on my first diet when I was only in kindergarten and had a body that was really just slightly softer compared to the bodies of most of my peers.

1980-Meret M?
Already used to not being fed at home.

– When I think of all those decades of believing that her denying me food was because she hated me, didn’t want to feed me, or because she wanted to hurt me.

– When I think about the implications this had on my own sense of worthiness, on my sense of safety in the world, on my sense of purpose—or lack thereof.

– When I think that only NOW I’m able to see that, she too, had bought into all that crap about our bodies being something that had to be “fixed”, that the restrictions she put on me were only her way of protecting me from being rejected in a diet-crazy world.

– When I think that only NOW I see what terrible feelings of insufficiency she must have suffered to end up dieting her sense of joy to the bone and drinking her sharp mind into oblivion.

– When I think that, for all those years—even long after her death—I was convinced it was HER that rejected me, and that this must have been the direct effect of me having come out wrong, somehow a mistake, or simply not the daughter that she wanted.

– When I think of the decades I spent hating on my body, spending insane hours on treadmills/ellipticals/stairmasters, on diets, on shameful binges, suffering in silence, trying to meet society’s beauty standards…

When I think of all this, I first want to swear like a mad Italian coal-worker on Meth, I want to yell and scream and raise hell.
But—for as much as I love using foul language—I won’t.

Because my anger is only a very thin shield to cover up a sadness that’s almost unspeakable.
In my heart, there simply aren’t any swearwords to be found for the pain and the grief that hides behind all the misconceptions that my life, her life—so many lives!—are built upon.

The unlaughed laughter, the uncaressed skin, the unexpressed joy, the unbaked cakes, the uncelebrated lives, the unlived dreams.—I’ve lost too much.

The world has grown none the wiser. Diet-culture is ever-present, it’s all around us, it’s sneaked into most of our conversations, the ads, onto all the magazine covers, into the subtext of every rich meal, every unpretentious picture taken and every judgment of a person by their looks.

Diet-culture seems out to get everybody.
Those it gets, it leaves feeling unworthy, sometimes desperate, certainly “at fault“.
That’s bad enough.
Those, however, who had had hurting souls to start with, risk not only to waste a lot of time, energy, money, and self-worth, but also their… yes, their lives.

My mother was one of them. Growing up in a messed up home, she never knew a feeling of inner stability. Looking back, I can only guess how overwhelmed she must have been by life itself. So after endlessly trying to slim-fast her way into feeling loved and—of course—never succeeding, she handed over the reigns to her second “ally“, alcohol, and drowned her feelings of unworthiness in so many glasses of wine that the Gods lost count.
Eventually, I lost her.

She died without ever having seen that she was, in fact, utterly lovable, that there would have been support, had she not believed that she wasn’t worth it. This lack of self-love was quadrupled by every one of the diet-lies she bought into. That set of lies didn’t come cheap. Nor for me, nor for her. It cost me my childhood—an unsafe and utterly unpredictable, often violent chapter of my life. It cost her all of her relationships, most of all the one to herself and to her daughter. And it cost her her life.

The irony?

Shortly after she died, I started to gain some weight (well, I finally had the freedom to eat!) and was so freaked out that I went on my first diet.
“Mom must have been right,” I thought. “I can’t be fed normally.“

Yes, I’ve survived some terrible things and saw scenes that I wish I could delete. But I made it out of there alive. Only, instead of feeling proud, I found fault in myself. I never drank, I was never in debt, I never did drugs (apart from some exploratory detours there in puberty), all of which I consider myself lucky for—it could’ve happened to me just as easily as to the next person.
What I got hung up on in a very bad way was the message of diet culture. I felt awful in my skin all my life. There was a time when I wanted to cut off the flesh on my tummy, my thighs and my butt, because I felt too ugly for the world. I would have given everything for a different body. Until very recently, in fact. Up until I was 40 and hit rock bottom.

I literally spent DECADES running, restricting, binging and shaming myself into the ground, in a desperate attempt to change myself into a more“beautiful“ version that would be worthy of love.
See, all those years, I never even questioned whether what I read and heard and believed was really TRUE! I let my own self-respect slowly, over years and years, rot away in diet-culture-hell.

Two years ago, I started to wake up to another truth. And I am only now building up the courage to really—not just intellectually—get out of that narrow prison cell I made my life to be, and STICK it to all of those toxic messages.

And since I’m a surviver, I want and WILL make it out of this mess.
I want to be able to say “I love myself, no matter what society tries to tell me” before I take my last breath.

Not just for myself.
But for my mother.
And every one of those countless women who never had the privilege to see that it was never THEM who were at fault.

Maybe now you see why, today, I’m too sad to even be angry.

Eigentlich wollte ich fluchen. Aber es geht heute nicht.

Wenn ich über den Körperkult und den Schlankheitswahn in unserer Gesellschaft nachdenke, kriege ich einen heissen Bauch und will laut werden, argumentieren, wettern.
Wenn ich mir vor Augen führe, wie uns da draussen täglich (stündlich? minütlich?) ein praktisch unerreichbares “Idealbild” aufs Auge gedrückt wird, und dass die Mädchen von heute mit durchschnittlich 7 (SIEBEN!) Jahren mit der ersten Diät anfangen, dann drängen sich Ausdrücke in meinen Hals, die ich sonst in den derbsten Fluchsümpfen meines Vokabulars versteckt halte.

Wenn ich daran denke, dass meine eigene Mutter nie eine andere Wahrheit entdecken durfte als die vom Schlanksein-Müssen-um-jeden-Preis, der sie ein Leben lang mit Hungern, Kalorien zählen, Schuldgefühlen und Diäten zu entsprechen versuchte. Dies – notabene – ohne dass sie je übermässig viel Weiches zum Weghungern auf den Rippen gehabt hätte.

Wenn ich daran denke, dass ich sie nie glücklich oder zufrieden erlebte, dass sie nie gelassen in ihrem Körper zu wohnen schien.

Mama. Sie fand sich immer zu dick, zu hässlich, zu weich.

Wenn ich denke, dass sie wiederum MICH auf die erste Diät setzte, als ich in den Kindergarten kam—obschon mein Körper in Wahrheit kaum wahrnehmbar weicher war als jener meiner Mitkindergartenkinder.

Moi. Schon damals Diäten gewohnt.

Wenn ich an all die Jahrzehnte denke, in denen ich glaubte, das morgendliche Wiegen (mit Gewichtsprotokoll an der Küchentür) und die karge Ernährung (halbe Grapefruits zum Frühstück, ein Pumpernickel und eine Karotte im Lunchsäcklein und Tiefkühlspinat mit einem Spiegelei zum Abendessen) habe damit zu tun, dass sie mich so nicht lieb haben konnte, ich offenbar kontrolliert werden musste und mir etwas “Normales“ halt nicht zustand. Dass mit mir irgendetwas nicht stimmte.

Wenn ich an all die Schuljahre denke, in denen ich der komplette Outsider war, weil ich weder je von Lila Pause, Kinderüberraschungen, Nutella oder Hamburger gehört hatte, kein lässiges Lunchpaket hatte und am Ende kleinlaut bei den anderen betteln ging.

Wenn ich daran denke, was das so mit meinem Selbstwert machte, meinem Gefühl, auf dieser Welt sicher und willkommen zu sein, meiner Wahrnehmung von meinem Spiegelbild und meiner Zugehörigkeit—oder eben dem Mangel an alledem.

Wenn ich daran denke, dass ich erst JETZT sehen kann, dass sie selber immer geglaubt hat, ihr Körper sei nicht in Ordnung so wie er war, dass die ganzen Zwänge, die sie sich und mir aufbürdete, nur Versuche waren, mich vor Ablehnung zu schützen. Ablehnung in einer Welt, die damals—und heute erst recht—besessen scheint mit Dünnsein.

Wenn ich daran denke, dass ich erst JETZT sehen kann, wie furchtbar unzulänglich sie selber sich gefühlt haben muss, dass sie sich mit allen möglichen Diäten jede Freude von den Knochen hungerte und ihren wachen Geist letzten Endes stumpf trank.

Wenn ich daran denke, dass ich in all den Jahren—auch lange nach ihrem Tod—überzeugt war, dass sie mich nie gewollt hatte, dass ich falsch herausgekommen war, oder schlicht und einfach nicht die Tochter war, die sie sich gewünscht hatte.

Wenn ich an all das denke, dann will ich zuallererst fluchen wie ein Italienischer Zementmischer mit einem Meth-Problem. (Ja, manchmal finde ich es herrlich, mich wüst auszudrücken. Einfach so.)

Aber ich tue es nicht.
Denn meine Wut ist nur ein sehr dünner Schutzschild über einem Abgrund fast unsäglicher Traurigkeit. In meinem Herzen sind schlicht keine Fluchwörter zu finden, wenn die Trauer sich zeigt. Traurigkeit darüber, auf wie vielen falschen Glaubenssätzen und Fehlwahrnehmungen ihr Leben, genauso wie mein eigenes Leben, gebaut waren.
Und—vor allem!—wie viele Leben da draussen es nach wie vor sind!

Die ungeliebte Einzigartigkeit, das ungelachte Lachen, die ungestreichelte Haut, die unausgedrückte Freude, die ungebackenen Kuchen, die ungefeierten Leben, die ungelebten Träume.—Ich habe viel verloren.

Die diversen Formen des Schlankheits-Diktats sind heute präsenter denn je. Die Diätmentalität ist überall um uns, sie hat sich in fast alle Konversationen unter Frauen geschlichen, ist in fast jeder Werbung, auf den meisten Titelseiten von Zeitschriften, im Subtext jeder üppigen Tafelrunde, in so manchem Kommentar auf einen Schnappschuss von sich selber, und in jedem unserer Urteile über den Körper anderer Leute.

Das nagt an uns allen und zeigt sich daran, dass in der westlichen Welt überwältigende 98 Prozent der Frauen nicht zufrieden sind mit ihrem Körper.  Wo man hinhört, finden sich Frauen—und zunehmend Männer…—zu dick, nicht schön genug, nicht straff genug.
Und beschuldigen sich selbst dafür!
Alle möchten verzweifelt schöner, schlanker, fitter werden, machen wie vergiftet Sport und essen nur noch mit tausend Einschränkungen. Wir sind mittlerweile fast alle vollkommen auf unsere Körper fixiert.

Das ist schlimm genug für jene, die ein gesundes Mass an Selbstwert mitbringen. Jene jedoch, die ohnehin schon mit einer verletzten Seele im Leben stehen, können sich mit dem allgegenwärtigen Schlankheitsdruck in unserer Gesellschaft ziemlich schnell in Selbstzweifeln verlieren und ein ganzes Leben damit verschwenden, alles zu tun, um “dazuzugehören“.

Meine Mutter war eine von denen. Sie wuchs in einem sehr instabilen Haushalt auf, hatte nie einen inneren Boden. Wenn ich zurückschaue kann ich mir nur vorstellen, wie überfordert sie gewesen muss mit ihrem Leben. Also hat sie endlos versucht sich in Form zu slim-fasten, sich liebenswert zu hungern, sich zur “akzeptablen” Frau zu formen. Das konnte nicht klappen. Es klappt nie. Also übergab sie die Zügel letztendlich ihrem zweiten teuflischen Gehilfen, dem Alkohol. Sie ertrank ihre Gefühle von Wertlosigkeit in so vielen Gläsern Wein, dass die Götter aufhörten zu zählen.

Am Ende ist sie gestorben, ohne dass sie je erkannt hätte, dass sie in Tat und Wahrheit ein vollkommen liebenswertes Wesen war, gleichwertig mit allen andern. Dass sie mit Sicherheit Unterstützung bekommen hätte, wäre sie es sich nur Wert gewesen. Die Rechnung ging für niemanden auf. Nicht für mich, nicht für sie. Es kostete mich meine Kindheit—ein unberechenbares, unsicheres, häufig gewaltgeprägtes Kapitel in meinem Leben. Es kostete sie alle ihre Beziehungen, allen voran jene zu sich selber und jene zu ihrer eigenen Tochter. Und es kostete sie ihr Leben.

Die Ironie?

Kurz nach ihrem Tod begann ich zuzunehmen. Logisch. Endlich durfte ich essen! Also ass ich mit Gusto. Und als mein Spiegelbild plötzlich “DU BIST ZU DICK“ zu schreien schien, ging ich auf meine erste Diät. Und dachte dabei: “Mama musste recht gehabt haben. Mich kann man einfach nicht normal essen lassen.“

Ja, ich habe einige schreckliche Dinge erlebt und Szenen sehen müssen, die ich lieber aus meinem Gedächtnis löschen würde. Aber ich habe es überlebt, ich bin noch da!
Nur… Statt stolz zu sein auf mein zähes Wesen, fand ich mich selber ungenügend, fehlerhaft, hässlich. Ich bin dankbar, dass ich nie in Süchte wie Alkohol oder Drogen abgerutscht bin—das hätte mir ganz leicht passieren können. Mich zwang etwas anderes in die Knie.
Ich stolperte mit meinem ganzen Restselbstwert über die Botschaft des Schönheitsideals und fühlte mich furchtbar in meiner Haut. Da waren Jahre, in denen ich am liebsten alles Weiche an mir hätte wegschneiden lassen, so gross war der Hass darauf.
Bis ich 40 Jahre alt war, und manchmal noch heute, hätte ich lieber einen anderen Körper. Übersetzt: Ich verbrachte Jahrzehnte (!) damit, mich mit “Das darf ich nicht essen“, “Ich muss noch mehr Sport machen“, “Ich hätte gestern nicht wieder so zuschlagen sollen“, “Wieso bin ich so eine Versagerin“ und “Ich muss mich kontrollieren, sonst werde ich zu dick“ in ein Leben zu zwängen, das letzten Endes kein wirkliches mehr war. Alles ein verzweifelter Versuch, dazuzugehören, “gut genug“ zu sein und nicht als Versagerin wahrgenommen zu werden.

Ich dachte, dass ich schöner sein müsste, um liebenswert zu sein.

Weisst du, in all den Jahren habe ich kein einziges Mal hinterfragt, ob der “Fehler“ wirklich bei mir liegt. Die innere kritische Stimme war so laut, dass ich dachte, sie sei “ich“ selber. War doch klar, dass ich der Fehler sein musste, alle andern sahen ja super aus! Das klang so wahr, dass es einfach zur Normalität wurde für mich. Und das war sie auch, bis ich vor zwei Jahren wirklich keine Kraft mehr hatte vor lauter pausenlosem Sport und völlig abstrusen Essgewohnheiten.

Erst jetzt—und das erst ziemlich zaghaft—fange ich an, den Mut zu entwickeln, mich selber zu werden, meine Geschichte anzunehmen, mit der Scham aufzuhören, die Zwänge abzulegen. Erst jetzt sehe ich klar, was für Irrsinn wir in dieser Gesellschaft ständig unbewusst mitbekommen, wenn wir Zeitschriften lesen, Werbungen sehen, uns mit Berühmtheiten vergleichen, ständig selbstverachtende Dinge von uns geben (“Ich bin viel zu dick“, “Ich hätte gestern kein Stück Kuchen essen sollen“, “Das muss ich mir abverdienen“, “Ich muss die Sommerfigur noch antrainieren“).
Das trennt uns nicht nur von unserem eigentlichen Wesen, das trennt uns auch voneinander.
Das will ich nicht mehr.
Darum bin ich daran zu lernen, mich so anzunehmen, wie ich bin. Das ist viel schwerer, als ich meinte, aber es fühlt sich jetzt schon unendlich viel besser an. Der Weg ist noch weit, bis ich wieder ohne Schuldgefühle esse und nur dann Sport mache, wenn mein Körper sich danach fühlt. Aber ich will bei meinem letzten Atemzug sagen können, dass ich mich selber lieben lernte, auch ohne irgendeinem Schönheitsideal Sklavin zu sein.

Das mache ich nicht nur für mich. Ich tue es für Mama. Und für all die unzähligen tollen Frauen da draussen, die noch nicht daran glauben, dass sie gut genug sind, so, wie sie sind.

Vielleicht siehst du jetzt, warum ich heute einfach zu traurig bin, um über unsere Gesellschaftszwänge zu fluchen.