Kaum steht der Sommer an, kaum könnte Vorfreude aufkommen, geht’s prompt wieder los mit der ewig gleichen, öden Propaganda:
“Superschlank in 30 Tagen!“
“Superfit dank Bootcamp-Training!“
“Supergesund durch Fasten“
“Superharte Bauchmuskeln in drei Tagen!“

Argh. Schon macht die Badesaison keinen richtigen Spass mehr.
All die leeren Versprechen, dass wir über Nacht sciencefictionartige Göttinnen werden können, wenn—und nur WENN—wir dafür unser Geld, unsere geistige Kapazität, unsere wertvolle Zeit und—alles in allem—unsere Würde hergeben. Da wird uns immer wieder die gleiche Karotte vor die Nase gehängt. Und wie die sprichwörtlichen Esel laufen wir selbiger hinterher. Unseren Selbstwert opfern wir der Überzeugung, dass wir, so wie wir genau jetzt sind, nicht hübsch/schlank/fit genug sind, um einen Bikini anzuziehen und den Sommer schamlos und mit allen Sinnen auszukosten.

So wie das Wort “Bikini-Body“ herumgereicht wird, könnte man meinen, es sei eine Art Ehrenabzeichen für die, die mehr Wert sind als alle andern. Wie bitte? DAS LUPFT MIR SOWAS VON DEN DECKEL. Echt. Hat die Menschheit den Verstand verloren? Argh. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man mal eine Sekunde innehalten und sehen, wie lächerlich das Ganze ist.
Da aber die meisten von uns diese Botschaften ungefragt übernehmen, laufen wir ständig dieser Karotte vor unserer Nase nach. Zwangsläufig kennen auch die meisten von uns das folgende Trauerspiel erlebt… Hunger, miese Laune, sonderbare Besessenheit mit allem, was essbar ist, Verlust der gelassenen Lebensfreude, verschwendetes Geld, verpasste schöne Momente und dann, früher oder später, das “Versagen“, für das wir auch noch die Verantwortung übernehmen.

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Meine Trainings machen immer SOLCHEN SPASS! Nicht.

 

Warum, kann man sich fragen, rennen Frauen von einem restriktiven “Lifestyle“ (das Wort “Diäten“ wurde marketingwirksam ausgetauscht) zum andern, von einer “Entgiftungskur“ zur nächsten, von einer “Fastenwoche“ zur nächsten, und erschöpfen sich mit immer härteren Ausdauertrainings und ursprungsentfremdetem Poweryoga, nur um Kalorien zu verbrennen? Warum sind Frauen bereit, sich selber wie Sklaven zu behandeln, nur damit die “hartnäckigen letzten 5 Kilos“ noch verschwinden?
Wahrscheinlich nicht, weil es so UNGLAUBLICH VIEL SPASS macht, oder?
Wahrscheinlich auch nicht, weil es langfristig eh NICHT funktioniert, oder?
Und HOFFENTLICH auch nicht, weil sie im Leben keine grösseren Träume haben.
Also, wieso? WIE–SO?

Logisch. Zum einen ist das weil in den Medien nur ein einziger Körpertyp repräsentiert wird. Wir werden alle konstant mit der Botschaft bombardiert, dass wir alle so aussehen können, und dass wir uns am Riemen reissen müssen um dazuzugehören. Und schon schämen wir uns und fühlen uns schuldig, wenn wir nicht aussehen wie die Frauen und Männer auf den Hochglanzfotos. Und Werbung? Hör mir bloss auf. Von Autos über Frühstücksflocken, Ferienreisen, Katzenfutter, Kopfwehtabletten bis hin zu Kontaktlinsen; die Menschen, die wir zu sehen bekommen, entsprechen dem allerkleinsten Anteil der tatsächlichen Bevölkerung.
UND dann sind sie noch gephotoshoppt. Meine, bitteschön. Logisch. Wer bleibt da schon immun dagegen.

Die Zahlen lügen nicht, es sind nicht viele, die immun sind. Alleine in den USA verdient die Diätindustrie 60 Milliarden Dollar an unserer Scham. 60 MILLIARDEN DOLLAR!
Das ist eine verdammte Menge Geld. Heisst: Das ist eine verdammte Menge Leute, die eine verdammte Menge Geld ausgeben, um das Versprechen vom Glück am Ende des Diätregenbogens zu erreichen. (Und solltest du tatsächlich immun dagegen sein, bitte sag mir, wie du das schaffst!)

Ich gehörte auch zu denen. Jahr für Jahr für Jahr versuchte ich, meinen Körper zu “verbessern“.
Den ganzen Tag nichts essen, nur abends. Keine Ausnahmen. (8 ganze Jahre lang!!)
Schwindel vor Hunger.
Unausweichlich die Essattacken.
Gestört anstrengendes Sport-Regime (täglich, 8 Jahre lang), das meinen Körper letzten Endes völlig auszehrte. (Wofür ich notabene ständig Komplimente bekam. “Wow!“ sagten sie. “Du bist so diszipliniert, ich wünschte, ich wäre wie du!“ Ähm, nein. Das willst du nicht.)
So wie wir es ihnen vormachen, hetzen heute immer jüngere Mädchen dieser Fantasie hinterher. Es wird gehungert, von freudlos bis zwanghaft eingeschränkt gegessen, obsessiv Sport betrieben, nicht selten gekotzt (was mir zum Glück nie gelang), von Schönheitsoperationen geträumt und alles aufs Spiel gesetzt, um den “Traumkörper“ zu erreichen. Ich glaube, die einzigen die all dies wirklich “traumhaft“ finden sind die grossen Fische der Diät-Industrie.

In Wahrheit sind wir nicht gemacht, um alle gleich auszusehen. Genau so, wie kein Apfelbaum dem anderen gleicht, und jeder Apfelbaum ein kleines Wunder ist, ist es auch bei uns. Hören wir auf, unsere Äste, Blätter, Früchte und Baumstämme miteinander zu vergleichen und uns mies zu fühlen. Bäuche sind nicht da, um flach zu sein, kein Po muss so aussehen wie der retouchierte von J-Lo. Keiner von uns muss einem Ideal entsprechen, jeder Mensch ist gleich liebenswert, und alle dürfen sich so annehmen und zeigen, wie sie sind.

Ich will eine Generation Mädchen heranwachsen sehen, die mit gesundem Stolz in ihren einzigartigen Körpern wohnen und die ihre Lebenszeit damit verbringen, Grosses zu bewegen. Die den Märchen über den “Bikini-Body“ nicht mehr auf den Leim gehen.

Jeder hat einen “Bikini-Body“.
Immer.
Der Sommer gehört dir!
In jeder Körperform.

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2 Comments on “Bikini-Body”?—Ich kann das Wort nicht mehr hören.

  1. Gerhard Baist
    2016-05-09 at 2:37 AM (2 years ago)

    Einfach so in die Tastatur gekloppt. Schreibfehler. Schäm….. Scheiß drauf.
    Auf Bikini-Figur, auf immer-alles-richtig-machen,…… Meine derzeitige “Front”:
    Ich darf auch mal doof sein.
    Und mich nicht dafür schämen.

  2. Meret Boxler
    2016-05-09 at 8:43 AM (2 years ago)

    GENAU so!!