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Vater… Ich komme unbewaffnet.

Nach meinem Text darüber, warum mir Muttertag dieses Jahr zum ersten Mal etwas bedeutet hat, erhielt ich unglaubliche viele bewegende Rückmeldungen. Danke! Hat mir glatt die Sonne an den episch verregneten Sommerhimmel gehängt.
Was mich aber masslos erstaunte, war die schiere Häufigkeit einer einzigen Frage, die in so vielen Nachrichten auftauchte:

“Wie hast du deiner Mutter verzeihen können?“

Steilpass.
Nun… Diese Baustelle ist noch nicht ganz aufgeräumt; sie ist verdammt vielschichtig und zudem hast du kaum 14 Tage Zeit, um dich durch alle Verschlängelungen dieser komplexen Geschichte zu lesen. Da ich aber eine ehrliche Antwort geben will, nehme ich meinen Vater als Beispiel. Durch seine grossartige Abwesenheit gibt’s da einen gewissen Mangel an Material, also ist das Ganze einiges einfacher zu erklären.
(Und nehmen wir uns einen Moment, um die Hübschheit des Faktes zu schätzen, dass ausgerechnet heute… tadaaaa, Vatertag ist. Irrsinnig schön eingefädelt, nicht?)
Ahem.
Das könnte eine längere Sache werden, schliesslich braucht ihr ein bisschen Hintergrundgeschichte, um das grosse Bild zu sehen. Überhaupt! Ihr habt es ja gewollt. 🙂

Nun. Mein Vater.
Der Mann, der schon vor meiner Geburt einen Abgang gemacht hatte.
Ich verachtete ihn, dass er mich mit einer Mutter alleine liess, die unberechenbar und alkoholsüchtig war und obendrein ein gefährliches Doppelleben führte; bis am frühen Nachmittag war sie jeweils die blitzgescheite, schöne und gepflegte Privatsekretärin… und danach, daheim, die Andere.
Ich hasste ihn dafür, dass er tat, als wisse er nichts davon und es jedesmal überhörte wenn ich ihn anbettelte, mich bittebitte bei sich leben zu lassen.
Zu jener Zeit war ich mir jedoch überhaupt nicht bewusst, wieviel Verachtung in mir begraben lag, denn bis meine Mutter starb, verehrte ich meinen Vater wie einen unerreichbaren Popstar. Ja, je mehr sie jeweils mit alkoholgelähmter Zunge beteuerte, er sei ‘das mieseste Exemplar menschlicher Existenz’, desto mehr stellte ich ihn auf ein Podest.

Die Tatsache, dass er ‘mich nicht wollte’, war zu schmerzhaft.

Also glorifizierte ich ihn.
Viel wusste ich ja nicht über ihn, aber ich war mir sicher: dieser Mann musste der coolste Mann der Welt sein.
Seine schönen Hände. Der massive Silberring, den er trug. Wie er sich so nachlässig-aber-voll-mondän kleidete. Seine elegante Handschrift. Der Geruch seines Aftershaves (Chanel Antaeus). Seine trendy rote Rundbrille… Seufz. Und obendrauf die Tatsache, dass er mich sogar zu McDonalds ausführte (ein völliger No-go mit meiner diätbesessenen Mutter)… Ich meine, war doch klar, dass das Superman sein musste?

petersunnyboy

Es kam nicht oft vor, aber wenn ich Glück hatte und es ihm in den Kram passte, nahm er sich die Zeit und ich durfte an einem Samstag bei ihm übernachten gehen. Ich war im Himmel.
Ich erinnere mich, wie ich in seinem Wohnzimmer vor diesem antiken Holzsideboard sass, seine riesigen Kopfhörer über den Kinderohren, und seine tollen Platten hörte. Ich glaube, ich muss Tage mit John Lee Hooker, Eric Clapton und den Dire Straits verbracht haben. Ich weiss noch, wie ich mit der Kordel der Kopfhörer spielte, den Geruch seines Vanilletabaks in der Nase, und davon träumte, so ein Leben zu haben. Bei einen Vater mit so abgefahrenen Platten (daheim gab’s nur Klassik, für mich war das krass moderne Musik!), mit so viel (verstörend interessanten) offensiv-sexualisierten Comics, mit all den aufregenden—mehr als leicht erotischen—Bildern an den Wänden, mit seinen bildhübschen Freundinnen, mit seinem immensen Wissen über scheinbar alle Dinge…
Ich stellte mir das himmlisch vor, mit ihm hier, in dieser schicken, retro-aber-doch-modern-und-obendrein-gemütlichen Wohnung, die immer so fein roch, leben zu dürfen.
Und erwähnte ich seinen Kühlschrank? Ich fiel fast in Ohnmacht, als ich zum ersten Mal da rein blickte: Ketchup! Nutella! Erdnussbutter! Cola! Ohhhhgottohgott, all meine Freunde an einem Ort!

Ich konnte mir nicht eingestehen, dass es ihm nicht hätte ferner liegen können, sich richtig auf mich einzulassen. Denn natürlich kam ihm meine Bedürftigkeit äusserst ungelegen; er wollte seine Dinge mit niemandem teilen und seine Freiheit opfern wollte er schon gar nicht. Was ihm gefiel waren schöne (selbstverständlich schlanke) Frauen, möglichst zahlreiche Reisen und möglichst wenig Verpflichtung. Meine Seele tat, was jede Kinderseele tut; sie speichert sowas ab unter: Das muss an mir liegen. Ich nahm an, einfach nicht hübsch genug  und wertvoll genug für die Liebe eines so coolen Vaters zu sein.

Naja, ich fand ihn schnell nicht mehr so cool, als ich für zwei Jahre übergangsmässig bei ihm lebte, nachdem meine Mutter gestorben war. Ich war ein Teenager und noch zu jung, um alleine wohnen zu dürfen, also ‘musste’ er mich aufnehmen, und genau so fühlte es sich auch an. Ich war ein unwillkommener Gast.

Es ging nicht lange bis ich seine verletzende Seite kennen und fürchten lernte: seine urplötzlichen aggressiven Reaktionen, seine herablassende Kälte, seine sarkastischen Sprüche über Dinge, die ich tat oder sagte, seine Art, meinen Körper, mein Aussehen, mein Essen, meine Kleidung spöttisch vernichtend zu kommentieren.
Ich bekam ihn zu sehen, den König bösartiger Kommentare anderer Leute Meinungen oder Wertvorstellungen, den König des Belächelns aller mit weniger dekorativen Bildungshintergründen, den König des Geizes, den König der Unberechenbarkeit und den König des Frauen-auf-Distanz-haltens. Es war nicht leicht zuzuschauen, wie er seine Freundinnen zu Tränen bringen konnte mit seinen herablassenden, respektlosen Bemerkungen.

Vorhang auf für meine Verachtung für ihn.

Er war viel auf Reisen, darum war ich immer wieder für längere Zeit alleine in seiner Wohnung. Rückblickend finde ich, es ist ein Wunder, dass ich in der Pubertät nicht leise abstürzte und es stattdessen irgendwie fertig brachte, alle grossen Entscheidungen meines Lebens ohne elterliche Unterstützung zu fällen; du weisst schon, Karrierewahl, erster Freund, was für Kleidung wählen für den ersten Tag in der Banklehre, mit Gefühlen umgehen…
Und natürlich zog ich dort so schnell ich konnte wieder aus.

Während den nächsten 20 Jahren oszillierte ich zwischen hasserfüllten Racheträumen und einer entwürdigenden Suche nach seiner Anerkennung.
Da er nie damit umgehen konnte, dass man etwas von ihm will oder braucht, musste ich um jeden Preis vermeiden, ihn je um Unterstützung, Ratschlag oder—umhimmelswillen!!—Geborgenheit zu beten. Ich machte also ganz automatisch einen auf unabhängige Low-Maintenance-Tochter.

Seine hübschen schlanken Partnerinnen zu sehen, war für mich in all den Jahren ein klares Zeichen dafür, dass ich optisch schlicht ungenügend war.
“Meine Mutter muss recht gehabt haben, als sie mich dick und hässlich nannte“, dachte ich je länger je häufiger, denn ja… ich meine, mein Vater schien sich ja auch zu schämen für mich. Um seinem Standard entsprechen zu können, tat ich, was ich ja schon von früher gut kannte: Meinen Körper zurechtstutzen, Essregeln aufstellen, immer mehr trainieren—mein Aussehen ‘verbessern’.

Als ich es schaffte, ziemlich viel abzunehmen und meine Karriere als Radiomoderatorin zu blühen begann, zeigte er plötzlich Interesse—oder sagen wir es so: er begann, bei seinen Kollegen aufzuschneiden, was er für eine tolle Tochter hat. Ich war quasi seine Erfolgsgeschichte. Er rief mich alle zwei, drei Monate an, um das Neueste zu erfahren und mir väterliche Unterstützung zu versprechen.—Ein recht billiger Verrat, denn kaum hatte er jeweils die Informationen, die er seinen Leuten weitererzählen konnte, vergass er seine Versprechungen wieder. Egal, wie viel Kilos ich verlor, wie sportlich ich war, wie ich mich für ihn verbog oder mich selber verleugnete, er blieb emotional unverfügbar.

Über die Jahre wurde etwas in mir drin sehr kalt und sehr hart und ich begann, auf Eisernen Vorhang zu machen, wenn er unausstehlich war. Ich schwor mir jeweils, ihn nie mehr an mich heran zu lassen und begann, die Brücken abzubrechen. Scheiss auf den und seine Freunde“, dachte ich mir dann. Ich habe es aus eigener Kraft bis hierhin geschafft, so etwas wie ihn brauche ich in meinem Leben nicht!Ich zog das dann natürlich auch durch—in der Regel für ein Jahr oder zwei—, bis die Hoffnung auf väterliche Liebe mich wieder übermannte. Früher oder tauchte er nämlich immer wieder auf, lächelte bezaubernd und sagte mir, er habe mich vermisst. (“Jetzt! Jetzt! Jetzt!“, frohlockte dann mein hungriges Herz, er hat es eingesehen!“ Und natürlich schmolz ich jedesmal, natürlich liess ich jedesmal meine Würde in einer Ecke liegen, natürlich vergass ich jedesmal meine Vorsätze… Jedes verdammte Mal.) Ich hätte alles gegeben, mich in sein Herz stehlen zu können.
Nur… schien das leider nie zu klappen, denn spätestens beim zweiten Kaffee war er wieder herablassend, gelangweilt oder schroff. Wieder Zeit für Kalten Krieg… Auf repeat.

Ich war voll von glühender, versteckter Verachtung.
Ich war süchtig danach, endlich zu meinem Recht zu kommen. Süchtig danach, ihn reuevoll in die Knie zu zwingen. Ich schwor, eines Tages auf seinem Grab zu tanzen.
Es ist mir ein bisschen peinlich einzugestehen, wie selbstgerecht ich argumentierte, wie schnell ich Anschuldigungen parat hatte und wie gerne ich schlecht über ihn redete. Er hat es alles kolossal vergeigt. Egal, wie dringend ich ihn brauchte, er hat nie auch nur einen Finger gerührt. Er vergisst sogar meinen Geburtstag. Ein kaltherziges, ignorantes, narzisstisches Arschloch.“ Und jede Wette; alle, die ihn und die Geschichte kannten, stimmten zu: “Er ist dein verdammter Vater. Wieso kann er sich nicht einfach benehmen? Wenigstens müsste er sich endlich entschuldigen für sein grandioses Versagen.” Ja! Logisch, oder? So einfach kam der mir nicht davon.

Und derweil… tja, blieb er so, wie er immer gewesen war.

Und was fast noch peinlicher ist: So wütend ich auch war, ich hatte immer noch Angst vor seiner Ablehnung, und ich schaffte es trotzdem nicht, ihm gegenüber mich selber zu sein und zu mir zu stehen.

Ganz tief in mir wollte ich nur eins. Seine Anerkennung. Tief unten, dort wo auch der fundamentale Mangel an Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstwertgefühl sass. Darum steckte ich in dieser grimmigen Opferhaltung fest und hielt stur an der Überzeugung fest, dass er derjenige war, der den ersten Schritt zu machen hatte.

Spulen wir vorwärts.
Heute liebe ich diesen knorrigen Menschen. Und er ist immer noch der Gleiche.
Was sich verändert hat, ist meine Einstellung.

Und heute weiss ich auch, warum es so furchtbar lange gedauert hat, bis ich ihm wirklich vergeben konnte:
Ich hatte versucht, ihm gedanklich zu vergeben. Ich hatte versucht, ihm mit Gesprächstherapie zu vergeben. Ich hatte versucht, mehr über Vergebung zu lesen. Ich hatte versucht, ihm mit Affirmationen zu vergeben. Ich hatte die spirituelle Umfahrung versucht (‘so n’bisschen meditieren und vom Status Quo direkt in göttliche Liebe für alle Wesen rüberschweben… bliiiing!’). Nützte alles nix. Ich brachte meine Anschuldigungen ihm gegenüber einfach nicht aus meinem Kopf. Alles, was ich sah, war mein Mangel an Liebe, meine vernachlässigten Bedürfnisse, mein armes Tochterherz. Es war eine sehr kopfige Angelegenheit und es war haufenweise Schwarz-Weiss-Denken und seeeehr wenig Emotion mit im Spiel. Ich hatte nämlich null Mitgefühl mit ihm, und auch nur sehr wenig wirkliches Mitgefühl mit mir selber.

Ich sags ungern, aber echt jetzt:

Es gibt keine Abkürzung zu echtem Verzeihen.

Wie das Leben halt so tut, musste auch ich zuerst grässlich tief im Schlamm stecken um bescheiden genug zu werden, dass ich mit meinen herkömmlichen Mitteln offenbar nicht wirklich erfolgreich operierte und über meinen inneren Gartenzaun hinweg blicken musste. Das war im November 2014. Alle meine Mauern waren eingestürzt und ich war mit meiner—haha!— ‘Weisheit’ am Ende. Mein Gewicht war gefährlich tief und mein Körper begann immer lauter zu leiden von all dem Ess-Irrsinn un dem exzessiven Sport, den ich ihm jahrelang zumutete. Mein Leben hatte für mich weder einen Sinn noch wusste ich weiter. Ich war fast rund um die Uhr innerlich gelähmt vor Angst und sehnte mich nur noch danach, dass diese miese Show endlich zu Ende sein könnte.

Ich fing an, mir Youtube-Videos zu Themen wie Selbstwertgefühl, Authentizität, Resilienz und Emotionen zu schauen, und nachdem ich alles, was ich von Dr. Brené Brown wie Löschpapier aufgesogen hatte, stiess ich plötzlich auf gigantisch viel Material zum Thema Achtsamkeitsmeditation (‘mindfulness meditation’) und was dies alles bewirken konnte.

Was zum Teufel… Meditation?

Da hatte ich ja nur massiiiive Widerstände dagegen… Wer will schon reglos rumsitzen und sich mit Nichtdenken herumzuschlagen währenddem der eigene Kopf tollwütig vor sich hin tobt?? Doch—man glaubt es kaum—ich war bescheiden genug ein paar Türen in meinem Kopf zu öffnen und es wenigstens zu versuchen. Und weiterzuversuchen.
Als ob ein Teil von mir haargenau wusste, dass ich da den Schlüssel zu meiner eigenen Heilung in den Händen hielt. Ich zog mir die Videos von zig verschiedenen Meditationslehrern rein, die alle—in leicht anderen Worten—von einer Tatsache redeten, die mir so jenseits vorkam, dass ich es zuerst nicht recht glauben konnte:

Wie bitte? Meine Gedanken und ich sind nicht eins?
Wie bitte
? Man kann zwischen zwei (bei mir ständig rasenden) Gedanken eine Pause einschalten?
Wie bitte? Emotionen wollen nur “wie Wellen” (!?) durch einen durchfliessen, und erst das ganze Aufstauen macht sie problematisch?
Das machte mir eigenartig Mut.
Also entdeckte ich im Verlauf der nächsten Monate irgendwo in mir drin—wenn ich es schaffte, meinen Kopf still werden zu lassen—dass ich auch höchsten emotionalen Wellengang, vor dem ich ja ständig auf der Flucht war, Schritt für Schritt durch mich hindurch spülen lassen kann, ohne darin zu ertrinken.

In der gleichen Zeit begann es mir auch einzuleuchten, dass es nur mir selber zusetzte, einen Groll so lange mit mir herumzutragen—ich trug ihn ja mit mir herum!

Groll mit uns herumtragen ist wie das Greifen nach einem glühenden Stück Kohle, in der Absicht, es nach jemandem zu werfen; man verbrennt sich dabei nur selbst. (Siddhartha Gautama)

Und das hiess auch, dass ich wie ein Opfertier davon abhängig blieb, dass er sich endlich veränderte, dass er mir endlich die nötige Liebe gibt.
Mit all dem startete meinen Weg, mich selbst zu hinterfragen. Dabei lernte ich etwas, was mir vorher nicht erschlossen war:

Glücklichsein kommt von innen, nicht von aussen.

Ich musste anfangen, mich selber lieben zu lernen.
Ich musste einsehen, dass ich meine schwierigen Gefühle nicht mehr umfahren konnte, wenn ich dieses Wunder je verwirklichen wollte. Ich musste aufhören, vor dem Schmerz davonzurennen. Also machte ich mich schlau, wie so ein Verarbeitungsprozess ungefähr aussehen würde. (—schluck!)

“Vergeben” war damals gar nicht mein Fokus. Das war mir sogar das Unwichtigste überhaupt, denn eigentlich wollte ich nur, dass es mir endlich wieder besser geht. Und ich wusste, dass ich verdammt viel Arbeit vor mir hatte. Arbeit, die offensichtlich bis heute andauert. Aber ich musste ja irgendwo anfangen, nicht? Also kam irgendwann auch das Thema Vater auf den Tisch, und in jenem Prozess stolperte ich eigentlich recht überraschend auf das Gefühl des “Vergebens”. Es war plötzlich einfach da, und das Ganze ging so:

Ich hatte erstmal null Ahnung, was alles dabei rauskommen würde, aber ich begann aufzuschreiben, wieso ich meinen Vater so verachtete. Was er getan hatte, gesagt hatte, nicht getan hatte und nicht gesagt hatte. Alles auf Papier. Das brauchte so seine Zeit, und erst, als mir nichts mehr in den Sinn kam, legte ich den Stift nieder und legte die Blätter auf den Boden. Dann setzte ich mich hin und schloss meine Augen und dachte darüber nach was diese Erinnerungen für mein Leben bedeuteten. Und dann war ich endlich mutig genug, den ganzen stinkenden Emotionshaufen hochkommen zu lassen.
Und Mannomann, kam der hoch.
Ich spürte, wie meine Arme immer wärmer und wärmer wurden, bis sie vor Hitze zu platzen schienen und ich mich wie eine menschliche Laserkanone fühlte, konstruiert, um die Sonne zu versengen. Wut, meine Freunde, blanke Wut. Und zum ersten Mal rannte ich nicht mehr davon sondern stellte mich ihr: Ich stellte mir vor, er sässe mir gegenüber (mein Kissen musste als Platzhalter herhalten) und ich liess mich wüten.
Mein Hals produzierte recht imposantes, hasserfülltes Knurren und ich brüllte alles Vernichtende aus mir raus. Von ganz tief unten stieg das Gift auf, das nur eines wollte: ihm alles doppelt und dreifach heimzuzahlen. Ich fand es auch durchaus angebracht, meinen Kissenvater zu mit Fäusten und Zähnen zu malträtieren, so übel verfluchte ich ihn für seinen emotionalen Bankrott.
—So schlimm das klingt, es war nicht wirklich schlimm; es war mehr, als würde eine ungestüme Lebenskraft durch mich hindurch gewittern. Es ging kaum länger als ein paar Minuten und meine Wut war verpufft, weg, im Nichts verschwunden.
Dann zeigte sich jedoch ein anderes Gefühl.
Mein Hals begann sich zuzuschnüren. Plötzlich fühlte ich mich entsetzlich schuldig dafür, was ich ‘ihm’ soeben angetan hatte und konnte mir anders, als leise vor mich hin zu flüstern: Es tut mir leid. Es tut mir so leid!“
Und genau danach spürte ich, was unter all der Wut versteckt gewesen war.
Da stieg eine unsagbare Traurigkeit in mir hoch, ein Gefühl von erdrückender Sehnsucht.

Das rohe, unüberspielte Sehnen einer Tochter nach ihrem Papa.

Als ich da auf dem Boden sass und nach meinem Vater heulte, kam mir parallel immer wieder in den Sinn, wie lächerlich das Ganze wohl aussehen musste, falls mich jetzt jemand sehen würde. Aber da war niemand. Ich war mein eigener Richter, und jetzt war nicht die Zeit für Peinlichkeit. Jetzt war die Zeit, mit der Welle echter Traurigkeit mitzuschwimmen, und sie ziehen zu lassen. Also liess ich mich weinen und nach meinem Vater rufen.
Als sich das alles langsam legte, spürte ich urplötzlich ein völlig unerklärliches Mitgefühl. Wo vorher Wut, Verachtung und Kälte gewesen waren, war plötzlich, ich weiss nicht… Klarheit.

In all der Aufgebrochenheit meines Herzens sah ich ihn zum ersten Mal anders und—hat da einer von unerwarteten Resultaten geredet?—fühlte Liebe für ihn.

Ich verstand, dass mein Vater seine eigene schwierige Geschichte mit seiner Mutter hat und selbst so viel unverarbeiteten Dreck mit sich herum trägt, dass er selber mit einer verhärmten Opferhaltung durchs Leben geht.

In den Folgemonaten fing sich meine Sicht auf meinen Vater an zu verändern. Ich begann in seinen Ausbrüchen, seinen Absenzen, seinen sarkastischen Bemerkungen und seinem Drang, Recht zu haben, seine eigenen, unverdauten Geschichten zu erkennen. Ich begann den Jungen in seinen Augen zu sehen.

1950-004

Einen süssen Jungen mit einer Menge Verletzungen in seinem Herzen.

Und ich sah, dass seine Art, ein Vater für mich zu sein, das Beste war, was er geben konnte. Es war mir plötzlich klar, und zwar ohne jeden Zweifel, dass alles, was er je tat oder nicht tat, nie etwas mit mir oder meinem Wert als Tochter zu tun gehabt hatte. Mag sein, dass er mir seine Zuneigung nie so wird zeigen können, wie das kleine Mädchen in mir es sich wünscht, aber ich zweifle nicht mehr daran, dass er mich trotz alledem liebt.—Auf seine Art und so gut er kann.
Was ebenfalls passierte, als ich meinen Hass auf ihn aus mir rausgewaschen hatte, war, dass ich plötzlich keine Erwartungen an ihn mehr hatte. Ich liess ihn einfach sein.
Meine Angst vor ihm verschwand in dem Moment, als ich gesunde Grenzen für mich zog. Heute kann ich ‘nein’ sagen.
Bei aller Liebe; es hat keiner gesagt, dass ich seine Launen einfach über mich ergehen lassen oder ihn zu jeder Zeit toll finden muss. Wenn er unausstehlich ist, erinnere ich mich daran, dass es nicht um mich persönlich geht, und ich dann sage ich ihm jeweils drei Dinge: Dass ich so keine Lust habe, mit ihm zu kommunizieren, dass ich mich ein anderes Mal wieder bei ihm melde, und dass ich ihn trotzdem lieb habe.
Funktioniert bestens.

Wenn es schwierig wird, denke ich wieder an den Jungen, den er einmal war. Und dann ist es plötzlich wieder ganz einfach und sogar verdammt wunderbar, ihm zu sagen:
He du, ich liebe dich. Du bist ein guter Kerl.

Weisst du was? Ich wette, dass er das vorher nie zu hören bekommen hat. Höchste Zeit.

Stille Gespräche # 1…

Wenn ein ‘Aber’ fehlt, um zu gewinnen.

 

Ich: “Mmmmhm, s’es schon wieder Morgn?”

Gremlin: “Faaackkk, schon 9.30h! Und du hast natürlich wieder noch rein gar nichts fertig gebracht.”

Ich: “Aber ich fühle heute echt erledigt.”

Gremlin: “Ha! Wovon?? Du hättest nur früher aufstehen sollen, dann wärst du auch frisch. Zudem könnten deine Rücken- und Bauchübungen längst erledigt sein und du hättest obendrein noch locker Zeit für eine anständige Radtour. Du scheinst zu vergessen, wie viele Kalorien du gestern Abend wieder verschlungen hast! Jetzt ist echt nicht die Zeit für deine Vermeidungsnummer. ”

Ich: “Aber das sagst du jeden Tag…”

Gremlin: “Verdammtnochmal, jetzt setz deinen müden Hintern endlich in Bewegung. Andere Leute sind schon seit Stunden auf den Beinen… —und rate mal, wer sein Ausdauertraining schon hinter sich gebracht hat? Richtig. Nicht du.”

Ich: “Aber ich habe doch jeden Tag Sport gemacht diese Woche!”

Gremlin: “Ja, und? Du hast auch wie ein Mähdrescher gegessen.”

Ich: “Aber andere Leute müssen nicht jeden Tag Sport treiben…”

Gremlin: “Nein, müssen sie nicht. Weil sie wie normale Menschen essen können.”

Ich: “Aber meine Ärztin sagt, es sei nichts gegen einen faulen Tag einzuwenden. Im Gegenteil… —angemessene Erholung sei wichtig.”

Gremlin: “Schau, Dumpfbacke. Ich hab’s dir schon zigmal gesagt, und ich sag’s dir gern noch einmal: Du bist die, die soviel isst. Ernsthaft, wenn ich dich nicht jeden Tag so drängen würde, wärst du innerhalb Wochenfrist ein dickes Faultier ohne jeeeg-lich-en Antrieb. Ganz offensichtlich geht ohne meine Kontrolle gar nichts hier.”

Ich: “Aber ich verdiene doch auch meine Auszeiten?”

Gremlin: “Ach, Auszeiten, hm? Darf ich dich daran erinnern, dass du aktuell nicht arbeitest und sich andere Leute die Finger abschlecken würden für deine Probleme? Ich meine, echt. Die Traumatherapie? —Bisschen Tränen, nichts weiter. Der postoperative Rücken-Aufbau? —Bisschen Nervenschmerzen, nix Wildes. Ist doch lächerlich. Andere haben JOBS und KINDER!”

Ich: “Aber ich trainiere nun schon seit mehreren Jahren ohne irgendeinen Unterbruch…”

Gremlin: “…Halthalthalt. MIT Unterbruch. Nach deiner Rücken-OP letzten Dezember hast du dich mehrere Tage kaum bewegt.”

Ich: “ARGH! Aber mein Hormonhaushalt ist immer noch total aus der Bahn. Das passiert, wenn man zu viel Sport treibt.”

Gremlin: “Bei dir muss das nicht unbedingt mit dem vielen Sport zu tun haben. Das könnte auch an deinem jenseitigen Essverhalten liegen, an dem du ja offenbar nichts ändern kannst.”

Ich: “Aber DU hast mir doch gesagt, dass ich nur einmal am Tag essen darf wenn ich essen möchte wie ich will. DU hast mir doch gesagt, ich könne nicht wie andere Leute essen, wenn ich schlank sein will.”

Gremlin: “Und du HAST Gewicht verloren, oder etwa nicht?”

Ich: “Aber… Ja.”

Gremlin: “Also, werde mir jetzt bloss nicht weinerlich. Zunehmen ist für dich einfach keine Option. Da waren wir schon mal, oder? Willst du wieder ausgelacht werden?
—Also. Und da du ja keine kleinen Portionen essen kannst, musst du halt den Preis bezahlen. Viel Sport und—halt nur einmal am Tag—schlemmen. Es gibt nichts zu jammern.”

Ich: “Aber ich mag nicht wie eine Gefangene leben!”

Gremlin: “Ich kenne dich. Gibt man dir frei, kippst du gleich ins andere Extrem. Dann isst du nur noch und verschenkst deine Trainingsschuhe. Geht nicht. Und ich bin dir seit der Rücken-OP doch schon extrem entgegen gekommen. Darf ich dich daran erinnern, dass du zuvor noch minimum 2 Stunden Ausdauersport pro Tag durchgezogen hast? Mindestens! Das magst du ja heutzutage nicht mal mehr. Und zugenommen hast du auch. Kannst froh sein, dass ich mich hier um Schadenbegrenzung kümmere.”

Ich: “Aber ich habe Freundinnen, die viel mehr Kurven haben als ich und deshalb nicht weniger liebenswert sind! Abgesehen davon sind die wahrscheinlich gerade beim gemütlichen Brunch mit dem Liebsten.”

Gremlin: “Fakt ist, du hast keinen Liebsten. Also. Vielleicht bist du halt einfach nicht so liebenswert. Darum musst du das halt optisch wettmachen. Du kannst nicht alles haben. Ach, und 42 bist du auch.”

Ich: “Aber eines Tages möchte ich es wert sein, auch einfach nur in der Sonne zu sitzen, ein Buch zu lesen und zu essen, was ich möchte, ohne dass ich ständig etwas wettmachen muss. Ich möchte mich wertvoll fühlen, einfach nur dafür, dass ich existiere.

Gremlin: “Eines Tages, klar, machen wir. Und jetzt stell dich in deine Turnschuhe und tu was.”

Ich: “Aber… Also gut.”

 

 

Ende.

 

 

Bin ich die Einzige?

  • Bin ich die Einzige, die sich in einem emotionalen Achterbahnwägelchenn gefangen fühlt?
  • Bin ich die Einzige, die wegen jeder Kleinigkeit komplett überfordert sein kann?
  • Bin ich die Einzige, die Tage erlebt, an denen sie—scheinbar aus dem Nichts—an die Decke gehen könnte?
  • Bin ich die Einzige, die sich beschuldigt, viel zu sensibel zu sein?
  • Bin ich die Einzige, die denkt, sie müsse das Leben ‘besser im Griff’ haben?
  • Bin ich die Einzige, die sich in dieser Welt oft völlig einsam fühlt?
  • Bin ich die Einzige, die manchmal nicht weiss, wofür sie aufsteht?
  • Bin ich die Einzige, die versucht, statt Selbstkritik mehr Mitgefühl mit sich selber zu haben—es aber meistens überhaupt nicht schafft?
  • Bin ich die Einzige, die fast allen grossen Lebensthemen—du weisst schon… Beziehungen, Sex, Lebenszweck, Risiko, Verletzlichkeit, Ablehnung, Verlust, Kontrolle abgeben, Entscheidungen, Geld, Existenz—ängstlich gegenüber steht?
  • Bin ich die Einzige, die sofort wahrnimmt, wie sich ihre Mitmenschen fühlen, aber die meistens abgelehnt wird, sobald das Gegenüber merkt, dass sie seht, was hinter der Maske steckt?
  • Bin ich die Einzige, die mit Smalltalk nicht klarkommt?
  • Bin ich die Einzige, die sich erst wirklich wohl fühlt wenn sie mit einem anderen Menschen aufrichtig und ehrlich reden und sich emotional verbunden fühlen kann?
  • Bin ich die Einzige, die immer noch nach echter Zugehörigkeit sucht?
  • Bin ich die Einzige, die mit Selbstliebe hadert?
  • Bin ich die Einzige, die der fiesen inneren Stimme manchmal nichts Positiveres zu entgegnen hat?
  • Bin ich die Einzige, die ständig wieder in den Sorgenmodus kippt?
  • Bin ich die Einzige, die sich oft unsicher fühlt und versucht, es sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen?
    Bin ich die Einzige, die denkt, ihr Körper sei nicht ‘schön’ genug, sobald sie jemand mustert?
  • Bin ich die Einzige, die Angst hat, nicht begehrenswert zu sein?
  • Bin ich die Einzige, die sich wie eine Versagerin fühlt, weil sie sich nicht traut, ihre eigenen starren Regeln zu durchbrechen—obschon sie genau weiss, dass sie sich damit von Angst regieren lässt?
  • Bin ich die Einzige, die realisiert, dass sie vor lauter Ängsten ‘das halbe Leben verpasst’ und sich wie eine Versagerin fühlt, dass sie es nicht einfach endlich locker nehmen und auf anderer Leute Meinung pfeifen kann?
  • Bin ich die Einzige, die denkt, sie müsste ‘es’ doch—am besten alles!—schon lange besser können?

Bin ich die Einzige?
Ich glaube nicht.
Aber.
Verdammtnochmal—es fühlt sich total so an.

 

Umarmung, Meret.

Mama, ich habe dich nie vermisst am Muttertag.

Dieses Jahr war das anders. Ich vermisse dich. 

Ich verbrachte mehr Zeit auf dieser Welt OHNE dich als MIT dir. Als du vor fast 30 Jahren gestorben bist, war ich erst ein Teenager.
Zum Zeitpunkt deines Todes war ich in diesem schrecklichen Mädcheninternat in der welschen Schweiz in welches du und mein bald-dritter-Stiefvater mich gesteckt hattet um “anständig Französisch zu lernen.“ Dein damaliger Verlobter schien zu glauben, ich sei der Ursprung deiner Depression und deines Alkoholproblems, also war er erpicht darauf, mich wegzuschicken.
Und obwohl ich den streng konservativen—ach, nennen wir es doch beim Namen: rückständigen!—Internatsbetrieb verachtete, war ich glücklich, endlich von zu Hause weg zu sein. Weg von dir zu sein. Ich fühlte mich zum ersten Mal sicher.

I erinnere mich genau an jenen Morgen, als ich aus der Grammatikstunde ins Büro des „Monsieur le directeur“ gerufen wurde. Mein Herz fing an zu rasen und ich dachte: “Was habe ich falsch gemacht? Hoffentlich ist es nichts Schlimmes.“
Ich hatte Angst.

Alles was ich wollte waren ganz viele gute Noten um dich—einmal in meinem Leben— stolz zu machen.
Alles was ich wollte war—einmal in meinem Leben—zu hören, dass ich gut genug war für dich.

Da sass er, dein Typ, direkt gegenüber vom Herrn Direktor. Und ich wusste, dass etwas furchtbar schief gelaufen sein musste. Alles, was dein Typ sagte war: “Deine Mutter ist tot.
Seine Augen sagten noch etwas ganz anderes. “Das ist alles dein Fehler, du verdammte Göre.“

In dieser Sekunde passierten eine Million verschiedene Gefühle aufs Mal.
Das allererste war unermessliche Erleichterung. Es fühlte sich an, als ob ein gigantischer Felsbrocken von meiner Schulter gehoben würde. Der Erleichterung direkt auf den Fersen war ein lähmendes Gefühl von Schuld.
“Ich darf das nicht fühlen! Was bin ich bloss für eine schreckliche Tochter!?”
Und auf den Fersen davon, Schock.
Aber ich war nicht geschockt weil du gestorben warst. Ich war geschockt, weil ich so Angst hatte, dass dein Typ mich mit sich nach Hause nehmen würde, dass ich das Internat verlassen müsste. Vor lauter Angst und Schock fing ich an zu weinen. Und ich bettelte Monsieur le directeur an, bitte bleiben zu dürfen. Kurz darauf ging dein Typ—mit einem hasserfüllten Ausdruck in den Augen.

Und ich erinnere mich an den Gedanken: “Sie sind noch nicht verheiratet, sie sind noch nicht verheiratet… Er kann nicht einfach machen, was er will.“

Das war das letzte Mal, als ich über deinen Tod geweint hatte. Vor fast 30 Jahren, Mama.

In all dieser Zeit war mein Herz geschlossen und mein Kopf erinnerte mich immer wieder an die schlimmen Dinge, die vorgefallen waren…
Deine Unberechenbarkeit. Dein Alkoholproblem. Dein Schauspiel der Aussenwelt gegenüber, alles sei in Ordnung bei uns. Dein unablässiges Wiederholen, ich sei Schuld an deinem unglücklichen Leben. Deine Art, mein Aussehen zu verspotten, mich dick und hässlich zu finden. Deine Weigerung, mir genügend zu Essen zu geben. Deine erbarmungslose Routine, mich jeden Morgen auf die Waage zu stellen. Dein Um-dich-schmeissen von Esswaren. Dein Blossstellen aller meiner Fehler vor anderen Leuten. Dein Einschlafen mit glühenden Zigaretten. Dein Strafen dafür, dass ich dein Leben immer wieder rettete. Deine Drohungen, dir das Leben zu nehmen. Dein völliges Missachten meiner Gefühle. Deine jenseitigen Erwartungen an mich. Deine Unfähigkeit, mich mich sein zu lassen, geschweige denn ein Kind.

Bis zu deinem Tod plante ich ständig meinen eigenen Tod. Ich wusste, dass ich nicht weiterleben konnte so. Es war zu viel für mich. So viel zu viel.

Mit dir zu leben brachte mich langsam um.

Nach deinem Tod fühlte ich mich frei, endlich mein Leben leben zu können. Ich war fest entschlossen, nie wieder so abhängig von jemandem zu sein. Wie meine Lehrerin Brené Brown zu sagen pflegt, zog ich meine “Rüstung” an, um das Leben alleine zu meistern.
Das fühlte sich besser—sicherer—an, als irgendjemandem zu vertrauen.

Bis vor ein paar Jahren, war mir nicht klar, dass da irgendwo in mir so viele unverarbeitete Gefühle begraben liegen.

Alles was ich wollte, war nicht DICH zu werden!

Also fing ich nie mit Trinken an, hatte nie gewalttätige Beziehungen, hatte (haha) “Kontrolle“ darüber, wie die Dinge in meinem Leben liefen, und ich war mir nicht bewusst, dass mein praktisch inexistentes Selbstvertrauen, mein mieses Körperbild, meine Scham und mein Gefühl von Wertlosigkeit ein Problem sein könnten. Das alles war schlicht und einfach Normalität für mich. Ich war mir ja deine Stimme gewohnt. Ich war mir ja gewohnt, ständig auf Diäten gezwungen zu werden. Also machte ich das, was ich kannte: Ich schimpfte mit mir wegen jedem kleinen Fehler und ich versuchte um jeden Preis dünner zu werden. Ich tat das alles, weil ich dachte—immer noch dachte—, dass ich anders sein musste um geliebt zu sein.

Erst, als all das komplett die Toilette runter ging und meine säuberlich aufgebauten Wände anfingen, in sich zusammen zu brechen, wurde klar, dass ich in meinem Kern schon seit jeher auf Sand gebaut war.
Es war erst nach meinem Zusammenbruch, als ich endlich anfing zu fühlen und endlich anfangen konnte—gaaaaanz langsam—ein solides Fundament unter meinen Füssen zu erschaffen.
Da bin ich dran. Ich beginne, mich selber kennenzulernen. Ich fange an, mich in meiner Haut einzuleben, mich wohler zu fühlen. Das alles geht mir natürlich viel zu langsam, aber ich tue mein Bestes…—so, wie ich es immer tat, du weisst es ja.

Und heute—am Muttertag 2016—realisierte ich plötzlich wie fest ich dich vermisse.

Wie sehr ich dich, wirklich DICH, hätte kennenlernen wollen. Diejenige Person, die unter all den Problemen erdrückt wurde, die sich im Verlauf deines Lebens auf deine verwundete Seele gehäuft hatten.

Und als ich weinte, öffnete sich mein Herz. In einem Augenblick war plötzlich klar, wirklich klar, dass du mich—obwohl du es mir nie hast zeigen können—trotzdem geliebt hast.

Mama, wenn du irgendwo da draussen bist, wisse eines: Ich liebe dich auch.
Du hattest ein unvergesslich schönes Lachen.
Ich bin dankbar, deine Tochter zu sein.

“Bikini-Body”?—Ich kann das Wort nicht mehr hören.

Kaum steht der Sommer an, kaum könnte Vorfreude aufkommen, geht’s prompt wieder los mit der ewig gleichen, öden Propaganda:
“Superschlank in 30 Tagen!“
“Superfit dank Bootcamp-Training!“
“Supergesund durch Fasten“
“Superharte Bauchmuskeln in drei Tagen!“

Argh. Schon macht die Badesaison keinen richtigen Spass mehr.
All die leeren Versprechen, dass wir über Nacht sciencefictionartige Göttinnen werden können, wenn—und nur WENN—wir dafür unser Geld, unsere geistige Kapazität, unsere wertvolle Zeit und—alles in allem—unsere Würde hergeben. Da wird uns immer wieder die gleiche Karotte vor die Nase gehängt. Und wie die sprichwörtlichen Esel laufen wir selbiger hinterher. Unseren Selbstwert opfern wir der Überzeugung, dass wir, so wie wir genau jetzt sind, nicht hübsch/schlank/fit genug sind, um einen Bikini anzuziehen und den Sommer schamlos und mit allen Sinnen auszukosten.

So wie das Wort “Bikini-Body“ herumgereicht wird, könnte man meinen, es sei eine Art Ehrenabzeichen für die, die mehr Wert sind als alle andern. Wie bitte? DAS LUPFT MIR SOWAS VON DEN DECKEL. Echt. Hat die Menschheit den Verstand verloren? Argh. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man mal eine Sekunde innehalten und sehen, wie lächerlich das Ganze ist.
Da aber die meisten von uns diese Botschaften ungefragt übernehmen, laufen wir ständig dieser Karotte vor unserer Nase nach. Zwangsläufig kennen auch die meisten von uns das folgende Trauerspiel erlebt… Hunger, miese Laune, sonderbare Besessenheit mit allem, was essbar ist, Verlust der gelassenen Lebensfreude, verschwendetes Geld, verpasste schöne Momente und dann, früher oder später, das “Versagen“, für das wir auch noch die Verantwortung übernehmen.

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Meine Trainings machen immer SOLCHEN SPASS! Nicht.

 

Warum, kann man sich fragen, rennen Frauen von einem restriktiven “Lifestyle“ (das Wort “Diäten“ wurde marketingwirksam ausgetauscht) zum andern, von einer “Entgiftungskur“ zur nächsten, von einer “Fastenwoche“ zur nächsten, und erschöpfen sich mit immer härteren Ausdauertrainings und ursprungsentfremdetem Poweryoga, nur um Kalorien zu verbrennen? Warum sind Frauen bereit, sich selber wie Sklaven zu behandeln, nur damit die “hartnäckigen letzten 5 Kilos“ noch verschwinden?
Wahrscheinlich nicht, weil es so UNGLAUBLICH VIEL SPASS macht, oder?
Wahrscheinlich auch nicht, weil es langfristig eh NICHT funktioniert, oder?
Und HOFFENTLICH auch nicht, weil sie im Leben keine grösseren Träume haben.
Also, wieso? WIE–SO?

Logisch. Zum einen ist das weil in den Medien nur ein einziger Körpertyp repräsentiert wird. Wir werden alle konstant mit der Botschaft bombardiert, dass wir alle so aussehen können, und dass wir uns am Riemen reissen müssen um dazuzugehören. Und schon schämen wir uns und fühlen uns schuldig, wenn wir nicht aussehen wie die Frauen und Männer auf den Hochglanzfotos. Und Werbung? Hör mir bloss auf. Von Autos über Frühstücksflocken, Ferienreisen, Katzenfutter, Kopfwehtabletten bis hin zu Kontaktlinsen; die Menschen, die wir zu sehen bekommen, entsprechen dem allerkleinsten Anteil der tatsächlichen Bevölkerung.
UND dann sind sie noch gephotoshoppt. Meine, bitteschön. Logisch. Wer bleibt da schon immun dagegen.

Die Zahlen lügen nicht, es sind nicht viele, die immun sind. Alleine in den USA verdient die Diätindustrie 60 Milliarden Dollar an unserer Scham. 60 MILLIARDEN DOLLAR!
Das ist eine verdammte Menge Geld. Heisst: Das ist eine verdammte Menge Leute, die eine verdammte Menge Geld ausgeben, um das Versprechen vom Glück am Ende des Diätregenbogens zu erreichen. (Und solltest du tatsächlich immun dagegen sein, bitte sag mir, wie du das schaffst!)

Ich gehörte auch zu denen. Jahr für Jahr für Jahr versuchte ich, meinen Körper zu “verbessern“.
Den ganzen Tag nichts essen, nur abends. Keine Ausnahmen. (8 ganze Jahre lang!!)
Schwindel vor Hunger.
Unausweichlich die Essattacken.
Gestört anstrengendes Sport-Regime (täglich, 8 Jahre lang), das meinen Körper letzten Endes völlig auszehrte. (Wofür ich notabene ständig Komplimente bekam. “Wow!“ sagten sie. “Du bist so diszipliniert, ich wünschte, ich wäre wie du!“ Ähm, nein. Das willst du nicht.)
So wie wir es ihnen vormachen, hetzen heute immer jüngere Mädchen dieser Fantasie hinterher. Es wird gehungert, von freudlos bis zwanghaft eingeschränkt gegessen, obsessiv Sport betrieben, nicht selten gekotzt (was mir zum Glück nie gelang), von Schönheitsoperationen geträumt und alles aufs Spiel gesetzt, um den “Traumkörper“ zu erreichen. Ich glaube, die einzigen die all dies wirklich “traumhaft“ finden sind die grossen Fische der Diät-Industrie.

In Wahrheit sind wir nicht gemacht, um alle gleich auszusehen. Genau so, wie kein Apfelbaum dem anderen gleicht, und jeder Apfelbaum ein kleines Wunder ist, ist es auch bei uns. Hören wir auf, unsere Äste, Blätter, Früchte und Baumstämme miteinander zu vergleichen und uns mies zu fühlen. Bäuche sind nicht da, um flach zu sein, kein Po muss so aussehen wie der retouchierte von J-Lo. Keiner von uns muss einem Ideal entsprechen, jeder Mensch ist gleich liebenswert, und alle dürfen sich so annehmen und zeigen, wie sie sind.

Ich will eine Generation Mädchen heranwachsen sehen, die mit gesundem Stolz in ihren einzigartigen Körpern wohnen und die ihre Lebenszeit damit verbringen, Grosses zu bewegen. Die den Märchen über den “Bikini-Body“ nicht mehr auf den Leim gehen.

Jeder hat einen “Bikini-Body“.
Immer.
Der Sommer gehört dir!
In jeder Körperform.

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Eigentlich wollte ich fluchen. Aber es geht heute nicht.

Wenn ich über den Körperkult und den Schlankheitswahn in unserer Gesellschaft nachdenke, kriege ich einen heissen Bauch und will laut werden, argumentieren, wettern.
Wenn ich mir vor Augen führe, wie uns da draussen täglich (stündlich? minütlich?) ein praktisch unerreichbares “Idealbild” aufs Auge gedrückt wird, und dass die Mädchen von heute mit durchschnittlich 7 (SIEBEN!) Jahren mit der ersten Diät anfangen, dann drängen sich Ausdrücke in meinen Hals, die ich sonst in den derbsten Fluchsümpfen meines Vokabulars versteckt halte.

Wenn ich daran denke, dass meine eigene Mutter nie eine andere Wahrheit entdecken durfte als die vom Schlanksein-Müssen-um-jeden-Preis, der sie ein Leben lang mit Hungern, Kalorien zählen, Schuldgefühlen und Diäten zu entsprechen versuchte. Dies – notabene – ohne dass sie je übermässig viel Weiches zum Weghungern auf den Rippen gehabt hätte.

Wenn ich daran denke, dass ich sie nie glücklich oder zufrieden erlebte, dass sie nie gelassen in ihrem Körper zu wohnen schien.

Mama. Sie fand sich immer zu dick, zu hässlich, zu weich.

Wenn ich denke, dass sie wiederum MICH auf die erste Diät setzte, als ich in den Kindergarten kam—obschon mein Körper in Wahrheit kaum wahrnehmbar weicher war als jener meiner Mitkindergartenkinder.

Moi. Schon damals Diäten gewohnt.

Wenn ich an all die Jahrzehnte denke, in denen ich glaubte, das morgendliche Wiegen (mit Gewichtsprotokoll an der Küchentür) und die karge Ernährung (halbe Grapefruits zum Frühstück, ein Pumpernickel und eine Karotte im Lunchsäcklein und Tiefkühlspinat mit einem Spiegelei zum Abendessen) habe damit zu tun, dass sie mich so nicht lieb haben konnte, ich offenbar kontrolliert werden musste und mir etwas “Normales“ halt nicht zustand. Dass mit mir irgendetwas nicht stimmte.

Wenn ich an all die Schuljahre denke, in denen ich der komplette Outsider war, weil ich weder je von Lila Pause, Kinderüberraschungen, Nutella oder Hamburger gehört hatte, kein lässiges Lunchpaket hatte und am Ende kleinlaut bei den anderen betteln ging.

Wenn ich daran denke, was das so mit meinem Selbstwert machte, meinem Gefühl, auf dieser Welt sicher und willkommen zu sein, meiner Wahrnehmung von meinem Spiegelbild und meiner Zugehörigkeit—oder eben dem Mangel an alledem.

Wenn ich daran denke, dass ich erst JETZT sehen kann, dass sie selber immer geglaubt hat, ihr Körper sei nicht in Ordnung so wie er war, dass die ganzen Zwänge, die sie sich und mir aufbürdete, nur Versuche waren, mich vor Ablehnung zu schützen. Ablehnung in einer Welt, die damals—und heute erst recht—besessen scheint mit Dünnsein.

Wenn ich daran denke, dass ich erst JETZT sehen kann, wie furchtbar unzulänglich sie selber sich gefühlt haben muss, dass sie sich mit allen möglichen Diäten jede Freude von den Knochen hungerte und ihren wachen Geist letzten Endes stumpf trank.

Wenn ich daran denke, dass ich in all den Jahren—auch lange nach ihrem Tod—überzeugt war, dass sie mich nie gewollt hatte, dass ich falsch herausgekommen war, oder schlicht und einfach nicht die Tochter war, die sie sich gewünscht hatte.

Wenn ich an all das denke, dann will ich zuallererst fluchen wie ein Italienischer Zementmischer mit einem Meth-Problem. (Ja, manchmal finde ich es herrlich, mich wüst auszudrücken. Einfach so.)

Aber ich tue es nicht.
Denn meine Wut ist nur ein sehr dünner Schutzschild über einem Abgrund fast unsäglicher Traurigkeit. In meinem Herzen sind schlicht keine Fluchwörter zu finden, wenn die Trauer sich zeigt. Traurigkeit darüber, auf wie vielen falschen Glaubenssätzen und Fehlwahrnehmungen ihr Leben, genauso wie mein eigenes Leben, gebaut waren.
Und—vor allem!—wie viele Leben da draussen es nach wie vor sind!

Die ungeliebte Einzigartigkeit, das ungelachte Lachen, die ungestreichelte Haut, die unausgedrückte Freude, die ungebackenen Kuchen, die ungefeierten Leben, die ungelebten Träume.—Ich habe viel verloren.

Die diversen Formen des Schlankheits-Diktats sind heute präsenter denn je. Die Diätmentalität ist überall um uns, sie hat sich in fast alle Konversationen unter Frauen geschlichen, ist in fast jeder Werbung, auf den meisten Titelseiten von Zeitschriften, im Subtext jeder üppigen Tafelrunde, in so manchem Kommentar auf einen Schnappschuss von sich selber, und in jedem unserer Urteile über den Körper anderer Leute.

Das nagt an uns allen und zeigt sich daran, dass in der westlichen Welt überwältigende 98 Prozent der Frauen nicht zufrieden sind mit ihrem Körper.  Wo man hinhört, finden sich Frauen—und zunehmend Männer…—zu dick, nicht schön genug, nicht straff genug.
Und beschuldigen sich selbst dafür!
Alle möchten verzweifelt schöner, schlanker, fitter werden, machen wie vergiftet Sport und essen nur noch mit tausend Einschränkungen. Wir sind mittlerweile fast alle vollkommen auf unsere Körper fixiert.

Das ist schlimm genug für jene, die ein gesundes Mass an Selbstwert mitbringen. Jene jedoch, die ohnehin schon mit einer verletzten Seele im Leben stehen, können sich mit dem allgegenwärtigen Schlankheitsdruck in unserer Gesellschaft ziemlich schnell in Selbstzweifeln verlieren und ein ganzes Leben damit verschwenden, alles zu tun, um “dazuzugehören“.

Meine Mutter war eine von denen. Sie wuchs in einem sehr instabilen Haushalt auf, hatte nie einen inneren Boden. Wenn ich zurückschaue kann ich mir nur vorstellen, wie überfordert sie gewesen muss mit ihrem Leben. Also hat sie endlos versucht sich in Form zu slim-fasten, sich liebenswert zu hungern, sich zur “akzeptablen” Frau zu formen. Das konnte nicht klappen. Es klappt nie. Also übergab sie die Zügel letztendlich ihrem zweiten teuflischen Gehilfen, dem Alkohol. Sie ertrank ihre Gefühle von Wertlosigkeit in so vielen Gläsern Wein, dass die Götter aufhörten zu zählen.

Am Ende ist sie gestorben, ohne dass sie je erkannt hätte, dass sie in Tat und Wahrheit ein vollkommen liebenswertes Wesen war, gleichwertig mit allen andern. Dass sie mit Sicherheit Unterstützung bekommen hätte, wäre sie es sich nur Wert gewesen. Die Rechnung ging für niemanden auf. Nicht für mich, nicht für sie. Es kostete mich meine Kindheit—ein unberechenbares, unsicheres, häufig gewaltgeprägtes Kapitel in meinem Leben. Es kostete sie alle ihre Beziehungen, allen voran jene zu sich selber und jene zu ihrer eigenen Tochter. Und es kostete sie ihr Leben.

Die Ironie?

Kurz nach ihrem Tod begann ich zuzunehmen. Logisch. Endlich durfte ich essen! Also ass ich mit Gusto. Und als mein Spiegelbild plötzlich “DU BIST ZU DICK“ zu schreien schien, ging ich auf meine erste Diät. Und dachte dabei: “Mama musste recht gehabt haben. Mich kann man einfach nicht normal essen lassen.“

Ja, ich habe einige schreckliche Dinge erlebt und Szenen sehen müssen, die ich lieber aus meinem Gedächtnis löschen würde. Aber ich habe es überlebt, ich bin noch da!
Nur… Statt stolz zu sein auf mein zähes Wesen, fand ich mich selber ungenügend, fehlerhaft, hässlich. Ich bin dankbar, dass ich nie in Süchte wie Alkohol oder Drogen abgerutscht bin—das hätte mir ganz leicht passieren können. Mich zwang etwas anderes in die Knie.
Ich stolperte mit meinem ganzen Restselbstwert über die Botschaft des Schönheitsideals und fühlte mich furchtbar in meiner Haut. Da waren Jahre, in denen ich am liebsten alles Weiche an mir hätte wegschneiden lassen, so gross war der Hass darauf.
Bis ich 40 Jahre alt war, und manchmal noch heute, hätte ich lieber einen anderen Körper. Übersetzt: Ich verbrachte Jahrzehnte (!) damit, mich mit “Das darf ich nicht essen“, “Ich muss noch mehr Sport machen“, “Ich hätte gestern nicht wieder so zuschlagen sollen“, “Wieso bin ich so eine Versagerin“ und “Ich muss mich kontrollieren, sonst werde ich zu dick“ in ein Leben zu zwängen, das letzten Endes kein wirkliches mehr war. Alles ein verzweifelter Versuch, dazuzugehören, “gut genug“ zu sein und nicht als Versagerin wahrgenommen zu werden.

Ich dachte, dass ich schöner sein müsste, um liebenswert zu sein.

Weisst du, in all den Jahren habe ich kein einziges Mal hinterfragt, ob der “Fehler“ wirklich bei mir liegt. Die innere kritische Stimme war so laut, dass ich dachte, sie sei “ich“ selber. War doch klar, dass ich der Fehler sein musste, alle andern sahen ja super aus! Das klang so wahr, dass es einfach zur Normalität wurde für mich. Und das war sie auch, bis ich vor zwei Jahren wirklich keine Kraft mehr hatte vor lauter pausenlosem Sport und völlig abstrusen Essgewohnheiten.

Erst jetzt—und das erst ziemlich zaghaft—fange ich an, den Mut zu entwickeln, mich selber zu werden, meine Geschichte anzunehmen, mit der Scham aufzuhören, die Zwänge abzulegen. Erst jetzt sehe ich klar, was für Irrsinn wir in dieser Gesellschaft ständig unbewusst mitbekommen, wenn wir Zeitschriften lesen, Werbungen sehen, uns mit Berühmtheiten vergleichen, ständig selbstverachtende Dinge von uns geben (“Ich bin viel zu dick“, “Ich hätte gestern kein Stück Kuchen essen sollen“, “Das muss ich mir abverdienen“, “Ich muss die Sommerfigur noch antrainieren“).
Das trennt uns nicht nur von unserem eigentlichen Wesen, das trennt uns auch voneinander.
Das will ich nicht mehr.
Darum bin ich daran zu lernen, mich so anzunehmen, wie ich bin. Das ist viel schwerer, als ich meinte, aber es fühlt sich jetzt schon unendlich viel besser an. Der Weg ist noch weit, bis ich wieder ohne Schuldgefühle esse und nur dann Sport mache, wenn mein Körper sich danach fühlt. Aber ich will bei meinem letzten Atemzug sagen können, dass ich mich selber lieben lernte, auch ohne irgendeinem Schönheitsideal Sklavin zu sein.

Das mache ich nicht nur für mich. Ich tue es für Mama. Und für all die unzähligen tollen Frauen da draussen, die noch nicht daran glauben, dass sie gut genug sind, so, wie sie sind.

Vielleicht siehst du jetzt, warum ich heute einfach zu traurig bin, um über unsere Gesellschaftszwänge zu fluchen.

Wenn du hungerst, hungert auch dein Herz…

… und wenn dein Herz langsam verhungert, dann wird selbst das Paradies zur Hölle. Glaub mir, ich bin Schweizerin.
Kopfnicken rundum, die Schweiz ist das Land der Fülle, ein sicherer Hafen in der sicheren Umarmung der unerklärlich majestätischen Schönheit der Alpen, die sich in dünne Lüfte türmen, als ob sie den Himmel streicheln wollten. Ein Land auch, in dem Menschen mit nicht ganz mundgerechten Dialekten ihre Gabeln in Käsesuppen drehen. Nun gut, da bin ich also, im einem kleinen Himmel im Herz von Europa.

Wie konnte es nur passieren, dass ich aus dem heiligen Garten geschmissen wurde? Wie konnte es passieren, dass ich das Glücksgefühl eines schmelzenden Stücks Schokolade auf der Zunge nie ohne Schuldgefühle geniessen konnte? Wie konnte es passieren, dass ich nie unbeschwert Skifahren ging, segelte, mein kleines Paradies erkundete? Wie konnte es passieren, dass ich nie in den glitzerblauen Bergseen—die einem vor Kälte den Atem verschlagen—nackt baden ging? Wie konnte es passieren, dass ich mich einsam fühlte obwohl ich von lächelnden Menschen umgeben war? Wie konnte es passieren, dass ich mich, je erfolgreicher ich in meinem Beruf als Moderatorin bei Schweizer Radio SRF wurde, innerlich immer leerer und kälter fühlte? Wie konnte es passieren, dass ich mich nie wie eine “richtige“ Frau fühlte, und mich lieber versteckt hätte, wenn ich Blicken ausgesetzt war? Wie konnte es passieren, dass ich mich nie unbeschwert nackt zeigen konnte?
Wie konnte es passieren, dass ich mich unbewohnt fühlte, eigentlich eher nur als Kopf, der an ein ungeliebtes Vehikel angeschraubt schien?

Ich fühlte mich nicht genug.

Und ich war damit beschäftigt, all meine “Mängel“ entweder zu verstecken oder zu versuchen, sie “wieder gut“ zu machen. Irgendwie logisch, denn die Botschaft, die ich vermittelt bekam als ich aufwuchs, war so messerscharf klar, dass ich sie nie in frage stellte: “So wie du bist, genügst du nicht“.
Meine innere Stimme erinnert mich tagein, tagaus daran und brüllt mir zu, ich solle endlich meinen Arsch bewegen, weil—döööh!—wer will schon eine Versagerin sehen!

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Auf dem Gipfel meines Trips ins Dünnland.

Ich war so gewohnt, keine Bedürfnisse zu haben, mich durchzuboxen, keine Schwäche zu zeigen, dass ich die Verbindung zu mir selber verlor.
Scheint mir eine ziemlich wasserdichte Methode, um sich aus einem heiligen Garten zu schmeissen.

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Ich fühlte mich grässlich. Aber von rundum bekam ich Komplimente für meinen Körper.

Der Rausschmiss fand langsam statt.
Ich wuchs in schmerzhaft zerrütteten Verhältnissen auf. Vernachlässigung war ebenso ein Thema wie Gewalt und Alkohol. Was sich allerdings als erstaunlich folgenschwer herausstellte, war die erste Diät, auf die meine Mutter mich mit fünf Jahren setzte. Das lächerliche bisschen Babyspeck um meinen Kinderbauch war genug für das Jahre andauernde Bootcamp, das dann folgte.

In der Pubertät, kurz nach dem Tod meiner Mutter, als ich endlich wieder frei essen durfte, tat ich genau das. Ich ass. Mit Gusto! Und natürlich begann ich zuzunehmen. Das ging eine Weile gut. Nicht lange. Mit 20 packte mich das Grauen, dass ich so nie geliebt werden würde und ich griff zum einzigen Mittel das ich kannte: Diät.
Am Anfang war das natürlich harmlos und funktionierte auch prächtig.
Siehe da, ich wurde beachtet, mir wurden Komplimente gemacht.
Aber wie es so ist mit Diäten: es wurde irgendwann immer härter, das Gewicht unten zu halten. Also, dachte ich, noch mehr Sport, noch mehr Einschränkungen beim Essen.
Noch mehr Regeln. Noch mehr Angst.

Es war nie “gut genug“. Über die Jahre wurde das zu einer höllischen Lawine, die mich unter sich begrub. Ich wurde ein Profi darin, mich selber zu geisseln und der Glaube, ich sei nicht gut genug, konnte sich ungebremst in meine Seele brennen. Nur, je dünner ich wurde, desto zwanghafter und ängstlicher wurde ich.
Wo war denn jetzt das versprochene Glück, von dem alle säuselten?
Wo das Zugehörigkeitsgefühl, das doch jetzt hätte aufkommen sollen?
Wieso klappte das bei mir nicht?
Alles was bei mir klappte, war, dass mir irgendwann der ganze Körper weh tat vom exzessiven Sporttreiben und entweder Nichts- oder Alles-Verschlingen?

Natürlich verschwanden die Probleme mit Dünnsein nicht.
Im Gegenteil. Ich bekam noch eine ganze Menge neuer dazu.
Keine Menstruation mehr, keine Libido (war da nicht mal was??), bleierne Erschöpfung, Stressfrakturen, Schlaflosigkeit, Isolation…
Absurderweise war ich aber immer noch überzeugt, das sei alles wegen meinem Körper. Klar doch, wenn DER schön aussehen würde, dann hätte ich doch ein glückliches Leben, könnte endlich alles geniessen! Logisch musste ich den zuerst “flicken“! War es nicht seine Schuld, dass ich nirgends hinkam mit meinem Leben?
Was tat Madame also? Das, was sie immer tat: sie zog die Daumenschraube noch etwas an.

Du kannst dir in etwa vorstellen, wie sich mein Leben anfühlte. Wie eine winzige Gefängniszelle. Meine Kreativität warf sich resigniert aus dem Fenster, Spontaneität war kein Thema mehr, und ich fühlte mich vollkommen verzweifelt und verloren. Eingeklemmt in Zwängen, Ängsten und dem Gefühl, im Treibsand der Scham zu versinken. Ich hatte vor allem Angst, vertraute mir selber nicht mehr—geschweige denn meinem Körper.

Auf gut Deutsch: als ich mein lang ersehntes Traumgewicht erreicht hatte, war ich innerlich tot.

Nun gut. Und jetzt?
*alle warten auf das Grande Finale…*

Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass dies alles nun Jahre her ist, und dass ich es heil und sicher auf die andere Seite all meiner Ängste und Zwänge geschafft habe.
Aber nein. Sorry.
Ich stehe immer noch in Crazydorf. Aber ich habe schon ein paar Dinge gelernt.
Ich habe gelernt, dass meine Dämonen nur mit Selbstliebe und Selbst-Mitgefühl zur Ruhe gebracht werden können. (—Ahem, das sind zwei Wörter, die bis vor kurzem in meinem Vokabular schlicht inexistent waren.)

Was ich dieser Tage tue, wenn mein innerer Kritiker die Lautstärke aufdreht (“Schau dich an!“—“Du lässt dich gehen, grauenhaft!““Logo, deine Mutter hatte RECHT. Du hast dich nicht im Griff. Schau bloss mal deinen Bauch an! Kein Wunder wird das nie was mit dir.“—“Ach ja, und vergiss Kuchen und beweg deinen Hintern ins Training.“—Du weisst wie ich meine, das teuflische Lirum-Larum) und ich mich selber bekämpfen will, dann versuche ich mich bewusst daran zu erinnern, wie ich mich am tiefsten Punkt fühlte. Und ich versuche mich noch bewusster daran zu erinnern, dass kein noch so dünner Körper je etwas das Problem löst.

Nur Selbstliebe kann das.
Und Selbstliebe tönt nicht nach Hungerkuren.

Körperakzeptanz in einer Welt, die Rundungen diskriminiert….

… ist eine verdammt schwierige Sache.

So wie in unserer Kultur “Schlanksein“ als Heiligen Gral hochbeschwört wird, ist es zur himmeltraurigen “Logik“ geworden, dass wir ganz automatisch davon ausgehen, unsere Liebenswertigkeit hänge davon ab, wie gut wir dem vorgegaukelten Ideal entsprechen.

So wie uns aus jeder Zeitschrift und aus jeder zweiten Werbung ABNEHMEN entgegen gebrüllt wird, uns Diätpillen, Shakes, Saftkuren und Lifestyle-Diäten verkauft und uns Bootcamp-Trainings und Poweryoga verschrieben werden, ist es zur ebenso himmeltraurigen “Logik“ geworden, dass wir uns so gut wie verpflichtet fühlen, alles zu versuchen, um im Schlankclub dazuzugehören.

Und so wie in den Massenmedien praktisch ausschliesslich dünne, meist junge weisse Frauen repräsentiert werden, wir also tatsächlich nur den allerkleinsten Anteil der realen Bevölkerung zu sehen bekommen—natürlich NACH Photoshop!—, ist es zur noch himmeltraurigeren “Logik“ geworden, dass mit unserem Körper, so wie er ist, etwas nicht stimmen kann.
Überrascht es da, dass über 90 Prozent der Frauen unglücklich sind mit ihrem Körper?

Eigentlich lebt es sich doch für alle miserabel in unserer Diätkultur. Nur die Diät- und Fitnessindustrie freuen sich diebisch über unsere Körperkrise. (Wenn du ganz leise bist, hörst du sie lachen, wenn sie die Milliarden zählen, die sie an unseren Selbstzweifeln verdienen.)

Ich fühle mich machtlos und traurig und wütend, wenn ich sehe, wie Frauen sich damit “verbinden“, ihren Körper öffentlich schlecht zu machen und gegenseitig ihre so genannten “Makel“ zu vergleichen. Da ist dieser grassierende, tragische Trend entstanden, dass Frauen alles, was mit “Abnehmen“ zu tun hat, automatisch zum Thema Nummer eins gemacht werden.

Bitte! Hört! Auf!

Frauen, lasst uns über das Leben reden, über Kreativität, über Liebe, Philosophie, über Politik meinetwegen! Alles, ausser die Anzahl eurer konsumierten Kalorien.
Das haben wir nicht nötig.

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Uff… 11 Paar Jeans, deren Sitz bestimmte, wie ich mich fühlte.

Die Frage jedoch bleibt:
Wie zum Teufel sollen wir die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Spiegelbildes und gestörtes Essverhalten heilen wenn uns noch überall vorgeflötet wird, wir sollen unseren Körper lieben—aber bitte erst, wenn wir fit und dünn sind.
Dieser ganze widersprüchliche Irrsinn hält uns gefangen in dem erschöpfenden Teufelskreis von Diät machen, kurzfristig “Erfolge“ verbuchen, irgendwann das logisch folgende Essgelage, Verzweiflung und Zwangssport. Für immer. Und immer. Auf Autopilot.

Wir erklären automatisch—und das recht beharrlich!—, dass wir mit mehr Gewicht nie unser Glück finden können. Klar. Weil wir nie glückliche Dicke zu sehen bekommen! So nehmen wir an, dass die alle todunglücklich und einsam sind.

Nur… Mooooooment mal.
Ich bin doch diejenige, die todunglücklich und einsam ist!
Und das in einem Körper, der von aussen gesund und schlank aussieht.
Der ganze “dünner = glücklicher“-Wahn stinkt zum Himmel.
Wenn du nur etwas mitnimmst von diesem Blogeintrag, bitte nimm das mit:

Die Unglücklichen erkennt man nicht an ihrem Gewicht.

Die, die unglücklich und einsam werden und ihren Körper verachten sind jene, die diese ganzen toxischen Botschaften glauben und die Verbindung zwischen Glücklichsein und tiefem Gewicht verinnerlicht haben.

Nur dumm, dass wir die Falle nicht erkennen, bis wir längst drin sind.
Nimm mich: Ich war “zu dick“, und ich legte los mit Diäten und Sport. Heute, 20 Jahre später, bin ich immer noch schlank, zeitweise war ich sogar spindeldürr, ich gehöre also zu den wenigen “erfolgreichen“ Diäthaltern (sprich: zu den sturen, verbissenen Perfektionisten, die ihre Lebensenergie dafür hergeben, ihr Gewicht tief zu halten, denn das bleibt ja nicht einfach so unten.) Ich entwickelte strickte Essregeln, fing an, mich für jeden Ausrutscher zu verurteilen, vernachlässigte meine Kreativität, meine Freunde und meine unkomplizierte Art, um meinen Körper im Fitness zu schinden. Kurz gesagt: Ich habe angefangen zu glauben, dass ich unter keinen Umständen die Kontrolle verlieren dürfe, wenn ich nicht im Handumdrehen wieder dick und erneut von allen verspottet werden wolle.

All diese Leiderei. Nur um dazuzugehören. Nur um akzeptiert zu werden. Um geliebt zu sein.

So eine Kultur wie unsere macht eine gesunde, unaufgeregte Beziehung zu Essen und Sport kompliziert und angstgesteuert.
Doch der Weg aus diesem essgestörten Schlamassel führt zwangsläufig durch die Angst. Weil uns eingetrichtert wird, “dick“ heisse unglücklich, heisse Spott, heisse Ausgegrenztsein, klingt das Natürlichste plötzlich wie nackter Wahnsinn:
Wieder nach Lust und Bedürfnis essen. Wieder alles essen. Nicht mehr hungern. Sport nur aus Freude—nicht, um Essen abzustrampeln oder Kalorien verbrennen zu “müssen”. Überhaupt: Keine Kalorienzählerei! Die Waage aus dem Fenster schmeissen! Den Körper sein natürliches, unangestrengtes Wohlfühlgewicht finden lassen. Kleider kaufen, die passen und bequem sitzen. Lernen, sich so zu lieben, wie man bist.

Das ist verdammt hart in einem Umfeld von Diätgeschwätz und Fettdiskriminierung!
Das ist verdammt hart mit der klaren Erinnerung daran, wie viele Menschen mir zum Gewichtsverlust und meiner disziplinierten Sportlichkeit gratulierten.
Das ist verdammt hart, wenn alles um uns herum durchtränkt scheint von Diätbotschaften, retouchierten Models, Fernsehshows wie „The Biggest Loser“ und “Germany’s Next Top Model”. (Mir wird schlecht.)
Gesunden heisst, das alles gehen zu lassen.

Gesund werden heisst, sich von der Anerkennung anderer Leute unabhängig zu machen.

Es ist hart.
Ich mag wie ein lächerlicher Feigling klingen, aber an manchen Tagen scheint es absurd riskant zu glauben, dass mein Körper auch dann liebenswert ist, wenn er nicht mehr als “perfekt“ oder “superfit“ wahrgenommen wird, wenn er weich und kurvig wird!
An manchen Tagen scheint es absurd riskant, mich erneut aus einem Gespräch zu verabschieden, in dem Abnehmen und Diäten im Zentrum stehen, denn obwohl es meiner Seele besser tut, werde ich als Outsider wahrgenommen und fühle mich alleine.

Wäre es nicht so viel einfacher, wenn wir einfach ALLE “stopp!” sagen und zusammen stark werden könnten? Und uns zusammen gegen diese irren Gesellschaftszwänge zu wehren?

Alleine ist es verdammt schwierig. Und es macht mir Angst.
Es braucht Mut, alte Glaubenssätze auflösen, wenn die Unwissenheit Glatteis bedeutet.
Ich weiss, dass mir niemand gratulieren wird, wenn ich wieder etwas runder werde—auch wenn ich dann ohne Zwänge leben kann und damit wohl das Grösste erreicht habe.
Ich weiss, dass mir niemand gratulieren wird, wenn ich meinem Körper statt Schikane mal Erholung schenke, nicht mehr “die Supersportliche” bin— auch wenn mein Körper endlich aufatmen und gesunden kann (und mir vielleicht sogar wieder eine Periode beschert, bevor das Thema im Schlund der Wechseljahre verschluckt wird.)

Keiner klatscht für die grössten Erfolge.

Wenn du dich angesprochen fühlst und weisst, wie ich mich fühle, lass uns Hände halten und nicht vergessen: Unsere Kultur ist vollkommen verdreht.
Wir sind völlig in Ordnung, so wie Mutter Natur uns gemacht hat.

Mann, ist das hart.

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Der Körper IST NICHT das Problem.

Du kennst sie, die Tage. Nichts, NICHTS, am eigenen Körper fühlt sich gut an. Man ist sich seiner Hülle so unangenehm bewusst, dass man sich in der alten Leier verfängt. Der Bauch! Die Oberschenkel! Zu dick! Hässlich! – Und los geht’s. Nichts ist recht, nichts gefällt, und alle Jeans, die mal zu weit waren, spannen.
Walfischgefühle. Und die ganze Wahrnehmung zoomt auf jeden möglichen Makel, den wir natürlich sofort gnadenlos hervorstreichen. Da! Der Spiegel zuckt sogar zurück vor diesem faltigen Gesicht. Logisch, niemand kann uns so jemals akzeptieren! Unser Gedankenkarussel geht los, notabene in die kreuzfalsche Richtung.

Statt uns mit Mitgefühl um unser Nichtgutfühlen zu kümmern, attackieren wir uns auf die niederträchtigste Weise.

Und weil uns niemand je Selbstachtung und Selbstsorge beigebracht hat, tun wir, was wir denken, werde von uns verlangt. Wir plagen uns im Fitness, wir zupfen an uns herum, wir planen Diäten, wir schwören und zu züchtigen. Wir planen Bestrafung. Für uns selbst! Eine Tragödie, die sich täglich vor Millionen von Spiegeln abspielt. Mädchen, Frauen, und neuerdings immer mehr Männer. Wir werden monothematisch, es schickt sich richtig, über den eigenen Körper schlecht zu reden, sich über die eigenen Imperfektheiten lustig zu machen, sich völlig zu verlieren in etwas, das komplett keinen Sinn macht. Die Hülle, unser Vehikel, das Ding, mit dem wir mit Mitmenschen in Kontakt kommen, das Haus, mit dem wir die Welt entdecken. Arme, mit denen wir unsere Lieben umarmen, Bäuche, die Kinder gebären. Und statt ihnen zu danken für die treuen Dienste, die sie uns trotz unserem ständigen Gemotze erweisen, motzen wir ständig.

Die Diät- und Fitnessindustrie freut’s. Die Schönheitsindustrie ebenso. Die verdienen Milliarden, ohne gross einen Finger zu rühren. Alles, was die machen müssen, um uns zu willigen Diätern, Fitnessabokaufern, Pillenschluckern und Faltencremekäufern zu machen, ist ein geschöntes, unrealistisches Foto und irgendwo das Wort “jung”, “schön”, “fit”, “schlank” oder “leicht” mit ihrem Produkt zu verbinden. Päng, wir sehen das und fühlen uns prompt ungenügend. Der Vergleich mit geschönten Bildern passiert uns täglich aberhundertmal und meist tappen wir blind in die Falle: Wir sehen uns als Ding, das wir “in Ordnung bringen” sollten. Als Wesen, das so wie es ist, nicht gut genug ist.
Seit Jahrzehnten tun wir brav, was uns die Werbebotschaften, Magazine, Plakate und sogar unsere “Freunde” vorbeten. Wir kaufen, operieren, hungern, kasteien uns und schlucken Pillen. Davon können genannte Industrien bequemstens leben und wir selber vergessen, wer wir selber eigentlich sind und wofür wir auf dieser Welt sind. (Ich tippe, es ist nicht, um brav ein Leben lang Diät zu halten.)

Ist es nicht Zeit, dass wir aufwachen und langsam wieder zu uns selber finden? Wieder hinhören, was uns unsere Intuition, die gesunde innere Stimme denn eigentlich sagt? Statt dem überall vorgegaukelten Schönheitsideal nachzurennen und dabei aufzuhören, zu LEBEN?

Ich glaube, wir können das.

Ich glaube, Körper kommen in verschiedenen Grössen und Formen. Genau, wie keine zwei Bäume gleich sind. Und das ist im Grunde nichts als wunderbar und genau so, wie die Natur es will. Krank und dick und hoffnungslos werden wir nur, wenn wir all die Diäten MACHEN. Sie können nicht funktionieren. Wir verlieren zwar jedesmal anfänglich Kilos, aber hauptsächlich verlieren wir den Zugang zu unserem eigenen, ursprünglich ganz gesunden Körpergefühl. Mit jeder Diät, mit jeder Stunde Zwangssport verlieren wir es mehr. Und der Körper, der lässt sich nicht so einfach manipulieren. Es ist vorprogrammiert, jedesmal, dass wir nach der Diät wieder zuschlagen. Nur geben wir dann uns selbst die Schuld. Wir haben versagt. Wir haben die Diät versifft. Denken wir. Aber dem ist nie so gewesen. Wir haben nur verlernt, nach unserem kindlich intuitiven Gefühl zu leben, uns aus Freude zu bewegen, mit Freude zu essen. Kein Wunder. Ich selber wurde ja schon mit 5-jährig auf die erste Diät gesetzt. Von da an ging das Jojo-Leben los und das Gefühl, nicht zu genügen und hässlich zu sein, wuchs und wuchs. Das versuche ich nun zu heilen. Und ich merke, wie schwer es ist, sich von diesen alten Zwängen zu lösen. Denn da sind sie, die miesen Tage, die Tage, an denen ich mich einfach wäääh fühle, denke, ich müsse anders aussehen um glücklich zu sein. Aber ich weiss es besser.

Ich weiss, was ich zu tun habe. Nicht mehr wie ein Schaf der Masse folgen und artig mein Leben vergessen, um dem Ideal halbwegs zu entsprechen. Ich möchte wieder lernen, ohne Angst zu essen, ohne Zwang an Bewegung und Sport heranzugehen, und mir bewusst werden, was ein “schlechter Körpertag” mir sagen will: Dass da Gefühle sind, um die ich mich kümmern muss. Den Körper aber, den sollten wir in Ruhe lassen und ihm einfach mal DANKE sagen, wie still und tapfer er unsere Irrtümer über sich ergehen lässt.

Ich möchte eine Welt sehen, in der alle Formen und Farben, alle Grössen und Weiten wieder geehrt werden. Eine Welt, in der wir der emotionalen Gesundheit ebenso viel Zeit widmen wie der körperlichen. Eine solche Welt urteilt nicht. In einer solchen Welt wird niemand beschämt oder ausgelacht, weil er nicht in ein Schema passt. In einer solchen Welt freuen wir uns über die Vielfalt, entdecken mit offenen Augen und sind neugierig auf die anderen da draussen. Vergleichen war gestern. Wer vergleicht, hat verloren.

Lasst uns wieder Menschen werden.

Rennen. Oder vom Mut, damit aufzuhören.

Der Tag erwacht,
schon beginnt’s im Kopf zu blinken.
Welch riesige Macht!Der Mut beginnt zu sinken;
so viel zu leisten, noch nichts vollbracht.

Rennen! Leisten! Nützen! Tun!
Die Kommandos lauter als ich selbst
Zuwenig Sport! Zu eng die Jeans!
Es lockt das Essen, was soll ich tun?
Also renn ich, leist ich, nütz ich – stresse durch die Welt
und weiss nicht, ob ich’s verdient hab, mal einfach nur zu ruhn.

In all den ach-so-gleichen Tagen,
verbracht mit Müssen, Sollen, Spuren
beginn ich mich zu fragen:
Was ticken in mir denn für Uhren?
Wofür IST das ganze Plagen?

Was bliebe ohne den konstanten Drill?
Wär ich wohl noch gut genug?
Was wär denn eigentlich mein Ziel?
So ohne Essensangst, Diätenlug?
Wenn ich mir einfach so gefiel?

Tönt doch eigentlich gesund:
ein ganz normales Menschenwesen;
da ganz heil, und dort ganz wund,
das es verdient hat, zu genesen –
ob es dünn ist oder rund.

Das Gesunde in mir weiss genau:
Essen muss man nicht verdienen.
Auch wenn die Menge noch nicht schlau – zur Strafe Sport; das kann nicht dienen,
wenn das Mädchen wimmert “auu”.

Denke ich an Bauernbrunch und Kuchen –
mal ganz ohne Hosengrösse –
ach wie gern ich’s tät versuchen!
Doch gäb ich mir die Blösse,
müsst ich Spott dann wohl verbuchen?

Falls sie spotten sollten oder lachen,
weil ich das Ideal verfehle,
weh würd mir das machen,
Scham mir brennen in der Seele.
Drum will ich die erst recht bewachen.

Sorgenvoll sind die Gedanken.
Wie soll das alles gehen?
Ich muss doch spörteln, komm ins Schwanken.
Lasse schon das Frühstück stehen.
Ganz klar, muss noch viel mehr Mut auftanken.

Mut zur Freiheit, Mut zu Liebe und Genuss.
Entdecken, wer ich bin und wie das ist,
wenn ich nicht nur ständig “muss”,
sich stattdessen freuen über was man isst –
ohne Strafe und Verdruss?

“Das ist unmöglich, strafbar gar!”
“Man muss was leisten für die Liebe!”
“Wirst schon sehen, es ist wahr!”
– solche Worte sind wie Hiebe,
weil JEDES Wesen doch ist wunderbar.

Ein Umdenken kommt in Gang.

Seit ungefähr einem halben Jahr – seit meinem Bandscheibenvorfall, der mich in die Knie zwang – habe ich viel mehr Zeit. Viel mehr Zeit, in der mein Kopf böse Dinge gegen mich ausspuckt, viel mehr Zeit, in der mich Sorgen plagen, viel mehr Zeit, in der mir schmerzlich bewusst wird, wieviel Zeit ich eigentlich meinen Ängsten und Zwängen schenke. Vor lauter Angst, man könnte mich verspotten oder ausschliessen, wollte ich schon als Kind unbedingt mehr so sein wie “alle anderen”. Und weil an mir so vieles so anders war als bei “allen anderen”, war ich jahrelang damit beschäftigt, mich ändern zu wollen. Nichts an mir war gut genug, so wie es von Haus aus geliefert kam. Ich fand mich zu dick, zu fad, zu ungeschickt, zu unförmig, zu fadenhaarig, zu x-beinig, zu zahnfleischlächlig, zu unathletisch. Also tat ich, was so manche Frau tut: Ich diätete. Anfangs – wie bei jeder Diät – auch ganz erfolgreich, doch eben… Das war der Anfang. Als ich mein Glück beim tieferen Gewicht nicht fand, dachte ich, es sei halt einfach noch weiter unten, ich hätte mich noch nicht genug kasteit. Irgendwo musste ich dieses “gut genug” doch finden? Nicht einmal bin ich auf die Idee gekommen, dieses Gefühl da zu suchen, wo es auch tatsächlich zu finden ist: In mir drin. Ich suchte es verbissen im Aussen. Ich diätete, als ob der Teufel hinter mir her wäre. Ich trainierte wie versessen und war nach Jahren intensiven Sports immer noch überzeugt, es sei noch nicht genug. Noch nicht genug gehungert, noch nicht genug geformt, noch nicht genug geschwitzt. Ich war überzeugt, dass ich “halt leiden muss”, um dazuzugehören. Ach, diese Geschichte, die hat so viele dunkle Kapitel, sie füllt ein ganzes Buch. Was ich sagen will: Ich tat es völlig unschuldig und blind! Ich hinterfragte weder die Botschaften, die mir seit Kindheit in die Seele gepfeffert wurden, noch das gängige – immer absurder dünne – Schönheitsideal. Ich sah nur, dass ich dem allen nicht entsprach, und so war es schnell passiert, dass mein ohnehin schon nur bedrohlich kleines Selbstvertrauen restlos an meiner eigenen Betonwand zerbröselte.

Bodieshear

Und als nun in den letzten Monaten mit den intensiven Nervenschmerzen vom Rückenleiden die Ängste auch deshalb immer intensiver wurden, weil ich begann, zuzunehmen, nahm ich beseelt einen längst überfälligen Schritt zurück und begann, mich von Grund auf zu informieren. Ich lernte, was einen Frauenkörper dazu bringt, den natürlichen Menstruationszyklus aufzuhören: Stress, Übertraining, zu wenig oder sehr einseitige Nahrung, innere Anspannung. Dass da auch Sport massgeblich beteiligt ist, denn – entgegen der gängigen Meinung, dass mehr automatisch besser heisst – jedes Ausdauertraining (das wir besessenen Kalorienverbrenner ja vornehmlich betreiben) dazu führt, dass im Körper das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird: deshalb lässt der Abnehmeffekt auch plötzlich nach, und man denkt, immer noch mehr machen zu müssen, um das Gewicht tief zu halten. Der Körper ist aber nur noch gestresst und vor lauter Cortisol je länger je kränker. Und plötzlich nützt nichts mehr, man fühlt sich nur noch todmüde, erschlagen, seelisch und körperlich am Ende. So gesund kann Sport sein! Hm. Das wusste ich in all den Jahren der Überbelastung nicht, ich hatte keine Ahnung. Ich hatte genauso wenig das Bewusstsein darüber, wer eigentlich profitiert von unserem Gefühl, nicht zu genügen. Wer da eigentlich Milliarden verdient und kein bisschen daran interessiert ist, dass wir uns besser fühlen. Die Schönheitsindustrie zum Beispiel, die freut sich krumm, wenn wir unsere Nasen gerade-operieren lassen. Die Fitnessindustrie zum Beispiel, die lehnt sich in goldenen Sesseln zurück, während wir unser Abendessen abstrampeln in einem der tausend Studios. Die Diätindustrie zum Beispiel, die mit leichtem Herzen “light” und “leicht” und “ohne Sünde” oder “slimline” auf ihre Produkte klebt und uns damit das Leben schwermacht. Wir rennen, wir zahlen, wir machen alles, um den vermeintlichen Anforderungen –  denen man gar nie gerecht werden kann, ohne dabei todunglücklich zu werden – zu erfüllen.

Plötzlich wurde mir vieles klar. Und während ich diese Angst spürte, dass man mich nun nicht mehr mag, weil ich wieder beginne, zuzunehmen – jetzt wo ich nicht mehr täglich 2-3h Sport mache und auch dem Impuls widerstanden habe, im Gegenzug dafür auf den nächsten Diätzug zu springen – genau in diesem Moment fragte ich mich, ob ich wirklich – wirklich! – wieder so dünn sein wollte wie in den vergangenen 4 Jahren. So dünn, dass in einem ganzen Tag gar nicht mehr viel anderes möglich war als obsessive Gedanken ans Essen (wollen und nicht dürfen) und an Kalorienrechnereien, mit denen ich mein tägliches Sportzwangspensum festlegte. So dünn, dass es es mir weh tat, auf einen harten Stuhl zu sitzen; ein Gefühl, als würde mein Steissbein durch die Haut gebohrt. So dünn, dass mir ständig – an 365 Tagen im Jahr! – eiskalt war. Egal, ob Sommer oder Winter, mir war kalt, von innen heraus kalt… Noch bis vor sehr, sehr kurzem war mir jeder Gedanke an Intimität dermassen zuwider, weil ich mich selber nicht ausstehen konnte, und IMMER noch glaubte, ich müsse noch dünner werden, noch mehr leiden, bis man mich lieben könnte.
Nein. Dahin will ich nicht zurück. Ich lerne jetzt, mich selber zu lieben. So wie ich bin. Mit allen Makeln.
Und doch, da bleibt dieses diffuse Gefühl, es nun nicht mehr unter Kontrolle zu haben, immer wieder diese Gedanken im Kopf, die mir einreden wollen, ich müsse demnächst wieder ein paar Kilo abnehmen.Diese Leier kommt mir langsam bekannt vor, ich möchte ihr nicht mehr auf den Leim gehen. Denn das ist keine gesunde Leier. Es ist eine so glasklar irrationale Sache, dass mir jetzt klar ist: Das KANN mit dem Körper gar nichts zu tun haben kann. Denn grundsätzlich fühle ich mich wieder viel, viel vitaler und strahlender. Und ja, ich muss wieder neue, grössere Hosen besorgen, das ist bekackt, aber auch nicht so bekackt wie es beknackt war, sich über kleinere Hosen zu freuen.

Ich will die Industrien nicht füttern. Und ich will ab sofort nie mehr Fett-Sprache hören unter Frauen. Das tut uns nicht gut! In vielen Frauen ist dies so verankert, dass sie es wohl kaum merken. Ständig – ständig – reden sie abwertend über ihre Körper. Sie zwicken sich vor Freundinnen in die Bäuche, reden nur vom “abnehmen-sollen” oder “zugenommen-haben” und verstärken gegenseitig diese Schnapps-idee, dass wir – so wie wir sind, individuell in Form und Geist – nicht genug sind. So geben wir das schon unseren Mädchen weiter, die sofort spüren, wenn wir nicht wohl sind in unserer Haut, wenn wir glauben, hinter dem “Dünn”-Konzept stecke die Freiheit, das Glück.

Nein, dort ist es nicht. Wirklich nicht. Ich schwörs. Wir dürfen aufhören damit, dem irren Ideal nachzueifern und dabei zu vergessen, wie leben geht. Wir dürfen einfach wieder sein. Essen, Freude haben, Sportschuhe liegen lassen und uns über die Bäuche streichen lassen.

Alles andere ist Irrsinn. – Ich glaubte ihn 41 Jahre lang.

Jenseits von Kleidergrössen.

Lasst uns den Moment löschen, in dem die erste Lifestyle-Diät unseren natürlichen Zugang zu Hunger und Sättigung aus der Bahn warf.
Lass uns alle unsere verzweifelten Diät-Versuche zerst zählen, darüber staunen, und dann rückgängig machen.
Lass uns das Zeitalter des wie-vergiftet-Kalorienzählens beenden.
Lass uns das Einzige, was sie uns je wirklich brachten, wieder verlernen – dass wir lernten, uns wie Versager zu fühlen.
Lass uns aufhören, uns schuldig zu fühlen für unseren Hunger.
Lass uns aufhören, Bewegung und Sport als Mittel zum Zweck des Kalorienverbrenns zu missbrauchen.
Lass uns aufhören, uns zu verurteilen für den Körper, in dem wir geboren sind.
Lass uns aufhören, andere Körper zu verurteilen, weil sie anders sind als unsere.
Lass uns aufhören, gegenseitig über unsere Körper zu tuscheln, sie auszulachen, zu beneiden oder zu entwürdigen.
Lass uns aufhören, uns zu verstecken, weil wir “die letzten 5 Kilo” noch nicht verloren haben.
Lass uns die Scham überwinden, die uns jahrelang die Lust an allen schamlosen Vergnügen vergiftete.

Lass uns das Schweigen durchbrechen!

Lass uns die Schönheit jedes einzelnen Menschen vorurteilsfrei feiern. Lass uns die Vielfalt schätzen.
Lass uns Körper als das bestaunen was sie sind: Unsere Vehikel, um in dieser Welt unsere Talente zu entdecken, zu spielen, zu reisen und zu lieben.
Lass uns vom Herz aus gesunden und uns an unseren urnatürlichen Imperfektheiten freuen.
Lass uns einander zeigen, aus welchem Material wir geschnitzt sind.
Lass uns lachen darüber, wie lange wir blindlings nach jedem Strohhalm griffen, der uns “Schönsein” und “Schlanksein” versprach – versprach, zu “genügen”; von Cellulitepackungen bis Antifaltencrèmes, von Schlankheispillen bis Schönheitsoperationen, von Diätprogrammen bis Fitnessabos.
Lass uns erkennen, wer schamlos profitierte, wenn wir uns unvollkommen, minderwertig und hässlich fühlten: Eine milliardenschwere Diät-/Fitness- und Schönheitsindustrie.
Und dann lass uns wieder mit Liebe all die Bäuche und Brüste, Pobacken und Lachfalten berühren.
Lass uns der Seele statt den Sixpacks frönen.
Lass uns wieder erkennen, wer wir wirklich sind und wofür unser Feuer brennt.
Lass uns Essen wieder geniessen.
Lass uns Bewegung wieder neu entdecken.
Lass uns schätzen, was unser Körper eigentlich alles KANN!
Lass uns aufatmen.
Lass uns mit einem Lächeln auf unsere eigene Blindheit zurückblicken und mit Stolz im Blick in die Zukunft schreiten. In eine Zukunft jenseits von Kleidergrössen.

Die unheilige Frage im Treppenhaus.

Dachte mir nichts Böses, trug meine Einkäufe die Stufen hoch. War schon fast oben, ein Stockwerk noch, als mir die spindeldürre Nachbarin unterhalb eine Frage zubellte, die ich nie mehr vergessen werde. Nicht, dass die Frage allein nicht schon unangebracht genug gewesen wäre, nein, insbesondere darum, weil sie von einer Frau kam, die mich in den drei Jahren, in denen ich dort wohnhaft war, nie je eines Blickes gewürdigt hatte, oder wenn, dann höchstens eines abschätzigen. “Bist du schwanger?” – das waren die einzigen drei Worte, die die karge Frau im Treppenhaus je an mich richtete.

Das muss ungefähr 2008 gewesen sein. Seither ist ziemlich viel schief gelaufen. Natürlich ist daran ist nicht die hagere, meist gereizt blickende Frau schuld. Die Pistole an meiner eigenen Schläfe war längst geladen, ihre Frage hat bloss noch den Abzug gedrückt. Nach Jahrzehnten von Diäten und Sportplänen, heimlichen Ess-Fantasien und Spiegel-Aversionen war nicht annähernd fähig, mir diese saublöde Frage vom Revers zu wischen. Sie blieb an mir kleben, in mir stecken, brannte sich ein, höhnte wie ein teuflisches Echo in ewiger Rückkopplung in meinem Kopf. Sie hatte meinen wunden Punkt getroffen. Ja, ich hatte wieder etwas “nachgelassen”, ein paar Kilo zugenommen. Das Gespenst meiner Vergangenheit reckte sich wieder: “Jetzt wirst du wieder dick. Dann können alle auf dich zeigen und sagen, sieh her, sie hat versagt, sie hat es eben doch nicht geschafft, ihr Gewicht unten zu halten.” Die Gedanken verquirlten sich zu einem giftigen Cocktail. Nun, es wäre theoretisch möglich, dass die Frau im 5. ihren spöttischen Unterton bewusst einsetzte, aber ganz ehrlich, es ist genauso möglich, dass sie einfach so ist, und dass sie vielmehr selber so mit sich spricht. Sie wirkt nämlich weder entspannt noch zufrieden, und so angestrengt knöchern wie sie herumstakst, quälen sie ziemlich sicher ganz ähnliche Selbstzweifel. “Bin ich dünn genug, schön genug? Bin ich gut genug?” Allein die Tatsache, dass sie nur gerade dies, meinen Bauch, wahrnimmt, auf ihn achtet, ihn wertet, zeigt kein Bild einer in sich ruhenden Frau. Dass sie sich zudem veranlasst fühlt, mir ausgerechnet diese Frage zu stellen, noch ohne meinen Namen zu wissen, müsste mir verdächtig vorgekommen sein. Dass es genauso ihr Thema sein könnte wie meins. Dieses ständige Gefühl, nicht zu genügen, nicht angenommen zu werden, sich ändern zu müssen, um geliebt zu werden.
Die Frage war gestellt, und – päng! – schon war sie weg, ihre Wohnungstür zu.
Ich möchte nicht mit dem Finger auf sie zeigen. Ein Teil von mir möchte sie umarmen für ihr eigenes, offensichtliches Unglücklichsein, und ja, ein anderer Teil von mir möchte ihr laut und deutlich ins Gesicht sagen, wie sehr mir ihr Tonfall, mit der sie eine an sich unschuldige Frage stellte, mich verletzt und erschüttert hat. Wie es mir nicht gelingen will, selbst all die Jahre später, den Vorfall, den Ton, dieses Gefühl von brennender Scham, Ausgestelltsein und Nichtgenügen zu vergessen. Dass ich sie häuten könnte, manchmal, dass sie mich so fragte. Und dass ich sie trotzdem verstehe, weil ich sie ja sehe. Sie ist nicht glücklich.

Nur leider konnte ich beides nicht. Jedes rationale Wissen um diese unglückliche Situation half mir herzlich wenig. Der Abzug war gedrückt, die Kugel war auf Herzkurs. Und da wurde erst einmal alles kurz und klein gehackt. Von Selbstverachtung bis Spiegel-Übelkeit bis hin zu Hassgedanken über meine Existenz, das giftige Potpourri entfaltete schön langsam seine gewaltige Wirkung. Ja, ich begann wieder mit Diäten, mit “Brot-ist-verboten”, mit “Schokoladenkuchen-für-alle-aber-nicht-für-mich”, mit “ich-muss-halt-leiden-damit-man-mich-akzeptiert”, mit “dann-zwing-ich-mich-halt-wieder-für-mehr-verhasstes-Jogging-und-mehr-Stunden-im-Fitness”. Und wie ich so bin, tat ich dies alles mit einer unerschütterlichen, gnadenlosen Disziplin. Ich wollte es ihr zeigen. Ich wollte ihr ohne Worte genauso spöttisch zeigen, wie locker ich sie überholen kann, wie leicht ich sie in den Schatten stellen kann, ich wollte ihr ein für allemal den giftigen Mund vergällen. Ich wollte Neid statt Spott. Ich war in einem völlig unbewussten, unverbundenen Zustand mit mir selbst und der Welt. Statt mit Mitgefühl für mich selber zu agieren, nahm ich mich an die kürzestmögliche Leine, zwängte mich in den Schraubstock, der nur eines zum Ziel hatte: Mich endlich liebenswert machen zu wollen. Die Spotter, die Beschämer und die Fingerzeiger zum Schweigen zu bringen.

Mit Hass und Druck? Mit Verboten und Zwängen? Mit Strafen und Verurteilen?

Irgendwie scheint es im Nachhinein nur traurig.
Was das Gewicht angeht, funktionierte mein Konzept ein paar Jahre trügerisch gut. Jeder, der sich keinen Genuss mehr gönnt – weniger! weniger! – und sich contre-coeur tägliche Sportdrills aufzwängt – mehr! mehr! – verliert Gewicht. Verliert aber auch jegliche Sinnlichkeit, Weichheit, jegliche innere Entspannung, und vor allem: Jeden natürlich-liebevollen Zugang zu sich selber.
Das merkte ich aber gar nicht richtig. Hauptsache, ich konnte mein Gewicht einigermassen unten halten. Ich war nicht dünn, aber ein paar Kilo brachte ich mit dem Drill runter. Nur blöd, dass dies nun hiess, dass ich den Drill ein Leben lang aufrecht erhalten müsste, um diese paar Kilos unter grösstem Kraft- und Willensaufwand unten zu behalten. Irgendwie ein hoher Preis, um einer fremden Nachbarin, symbolisch ausgedrückt, zu gefallen. Irgendwie am Ziel vorbei.
Denn ganz egal, was mein Gewicht jeweils war, innerlich war meine Haltung zu mir selber, und mein generelles Glücksgefühl, immer genau gleich mies. Da änderte keine kleinere Hosengrösse etwas daran. Und doch dachte ich ständig, dass es “nur noch ein bisschen” weniger sein müsste, und dann, DANN wäre ich dann wohl glücklich. Irgendwo musste das Glück doch sein!
Ich hinterfragte gar nicht, ob es Sinn macht, sich Glück auf solche Art überhaupt verdienen zu müssen, und schon gar nicht, ob es nicht eher glückszerstörend ist, sich selber so grausam zu behandeln. Leiden, das musste der Weg zum Ziel sein, oder?

Ich brachte die Selbstquälerei auf eine ganz neue Ebene. Nur noch abends war essen erlaubt. Täglich mindestens 90 Minuten Ausdauersport. Anfänglich gab es noch Ruhetage. Anfänglich. Diese gibt es seit Jahren nicht mehr. Bei Fieber und mit Rückenschmerzen, egal. Leiden muss sein. Die Angst wurde immer grösser, und ich versklavte mich ihr unbewusst immer mehr. Mein Essen wurde immer zwanghafter. Natürlich war ich abends jeweils so hungrig, dass ich tägliche Essattacken erlitt, für die ich mich tags darauf wieder mit Nachdruck bestrafte und den Teufelskreis so stetig aufrecht erhielt. Ich war überzeugt, dass ICH der Fehler bin, dass ICH es nicht im Griff habe, dass ICH mich nicht kontrollieren kann beim Essen, dass in mir drin ein dickes Kind hockt, dass nur darauf wartet, dass ich die Kontrolle loslasse. Dass ich praktisch über Nacht zum Fass werden würde. Und statt einer Nachbarin dann die ganze Welt über mich lachen würde.

Diese Angst ist, ganz tief unten, immer noch da. Ich verstehe mich nun viel besser, sehe, wie ich der Angst Untertan geworden und meinen eigenen Stoffwechsel so völlig in die Wüste gefahren habe. Wie ich mein Leben lang in einem inneren Stress verbringe, mich noch mehr anstrengen will, um “es” zu schaffen, um endlich dazuzugehören. Und ich sehe nun, dass dies nur von einer ganz grundsätzlichen, urmenschlichen Angst zeugt: Dass wir abgelehnt werden können. Dass wir verletzt sind und unsicher, dass wir uns fürchten, wieder verlassen zu werden. Und dass wir – jeder auf seine Art – mitunter absurd viel dafür tun, um diesen schlimmen Gefühlen auszuweichen. Bei mir ist es am Thema Essen/Sport aufgehängt, bei anderen bei Shopping, Alkohol, Sex, Arbeit oder Drogen. Es ist letztlich immer dasselbe.

Wir möchten alle geliebt werden. Und der Weg dazu führt am schwierigsten Hindernis vorbei: Sich selber zu lieben. Und das heisst, aufräumen. Die alten Wunden ansehen, die toxischen Gefühle endlich frei zu lassen, sich ihnen zu stellen, und zu heilen.

Das ist schwieriger für mich als jede Diät.

Mittendrin.

Kennst du das?

Du bist weiter als auch schon, du schaust dir Webseiten an, informierst dich, wie der Weg aus verkorkstem Essverhalten und dem eigenen himmeltraurigen Körperbild denn aussehen könnte/müsste. Merkst schon beim Lesen, bzw. beim Youtube-Videos-Schauen, dass das nicht ganz einfach sein dürfte. Möchtest gern schon am andern Ende des Tunnels sein, bist es aber nicht nur NICHT, sondern bist noch nicht mal IM Tunnel des “Weges zurück”. Stehst davor, siehst wie dunkel es da aussieht und traust dich nicht rein.

Alles, was du willst, liegt auf der anderen Seite der Angst.
Alles, was du willst, liegt auf der anderen Seite der Angst.

 

Nicht, dass es SO, WIE ES JETZT IST nicht ebenso dunkel wäre…
Aber da weisst du wenigstens, wer der Boss ist. Oder glaubst es zumindest. Hast wenigstens das Gefühl, dass du die Kontrolle hast, weisst, wie du die grossen Ängste im Griff behalten kannst. Natürlich weisst du auch, dass die Essstörung die Kontrolle hat, aber du bildest dir ein, dass du lieber in DIESEM Dunkel bleibst, statt das Risiko einzugehen, die Kontrolle total zu verlieren.Du denkst dir, dass du wahrscheinlich leider eben doch das einzige Wesen bist, bei der dieser “Weg heraus” nicht funktioniert, dass du 100 Kilo zunehmen wirst, dass du NIEMALS aufhören wirst mit essen, dass du NIE mehr ein paar Joggingschuhe in deine Nähe lässt, dass es ALLES KATASTROPHAL ENDEN WIRD.
Irgendetwas glaubt, dass DU dir nicht erlauben kannst, normal essen zu lernen und nicht wie vergiftet Sport zu machen, um die Kalorien wieder loszuwerden und um das nächste Essen zu verdienen. Dass das irgendwie einfach nicht aufgehen KANN, wenn du da die Kontrolle lockerst.

Und etwas in dir reckt sich trotzdem. Will raus. Ausbrechen aus diesem irren Käfig. Nicht mehr Sport machen MÜSSEN, nicht mehr Angst haben vor dem Essen, nicht mehr nur ENTWEDER alles essen, was dir in die Finger kommt, ODER gar nichts essen, nicht mehr wie ferngesteuert zwischen MÜSSEN und DÜRFEN oszillieren.
Denn irgendwie war das ja nicht so gedacht. Gedacht war, dass man mit etwas “Vernunft” und “Sport” das Bäuchlein und die für zu dick befundenen Oberschenkel ansehlich machen könnte. Gedacht war, dass das Leben NACHHER losgehen kann. Und irgendwie merkst du langsam, dass es irgendwie nie losgeht, dass es irgendwie nie “genug gut” ist. Ist man mal dünn, ist es sau-anstrengend, dies zu halten. Das Hirn ist damit beschäftigt, wie man wo was essen soll/darf, und wie man wo wieviel Sport machen muss. Dann nimmt man unerklärlicherweise wieder zu, und schon platzt die Angst zur Tür herein und versperrt jeden Weg nach vorn. Das geht nun doch schon lange so, nicht wahr? Wie lange eigentlich? Sieht doch verdächtig danach aus, dass sich dies so schnell nicht in eine rosarote Glückswolke verwandelt und plötzlich die grosse Leichtigkeit und der zufällig so geschenkte Superkörper sich einstellen und dir das OK geben, nun mit dem eigentlichen Leben anzufangen.

Verdammt, wie lange schon? 22 Jahre sind es bei mir jetzt. Seit ich 20 bin.
Und davor? Eigentlich hat die Zwangsdiäterei doch schon mit 5 Jahren angefangen, unfreiwillig.
Und später, als die Diät-Mama nicht mehr da war, liess ich ein paar Jahre Genuss zu, zuviel, wollte endlich essen dürfen… Und wurde dick. Und schon war sie wieder da, die Diät-Mama, diesmal nicht mehr als lebendige Mutter, sondern intern, in meinem Kopf. Die gnadenlose Instanz. Und ich beugte mich ihr wieder, der Vorstellung, ich sei erst akzeptabel, wenn ich schlank, dünn, sportlich, stark bin.

Und jetzt? Jetzt sehe ich dies immer klarer, sehe, dass das Leben nicht einfach so anfängt, wenn ich mir nicht selber das grüne Licht dafür gebe. Und da steht mir die Angst im Gesicht. Denn da ist der Tunnel…

Das Leben ohne Essstörung leben heisst, mit dem Körper, der einem gegeben wurde, gut auszukommen und ihn nicht mehr in Formen, Kleidergrössen oder Sportzentren zu zwingen, sondern ihn als das zu sehen, was er ist: Unser Transportmittel auf dieser Erde. Einsehen, dass ein Auto mit kapputtem Motor noch so schön aussehen kann und trotzdem nirgends hinfahren wird. Sich mit dem Modell anfreunden, dass nicht “schön” sein muss, sondern einen gesunden Motor hat und uns viele schöne Dinge im Leben zeigt, uns an schöne Orte bringt, mit uns etwas erlebt. Mit uns lebt. Die Analogie mit dem Auto ist etwas lahm, ich weiss, aber trotzdem…

Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ich habe Angst vor Gewichtszunahme. Angst, dass mich dann alle als “fehlerhaft” sehen, dass ich ausgestellt bin, dass man mit dem Finger auf mich zeigt, nicht mit mir “spielen” will. Tief drin sitzt die, und sie ist mit keinerlei Rationalität zu besiegen.
Dies ist mir etwas peinlich, schliesslich bin ich eine 43-jährige Frau und sollte über dies in Perspektive sehen können. Kann ich aber noch nicht.

Doch langsam, ganz ehrlich, habe ich die Schnauze voll. Voll, immer im Stress zu sein mit mir selber, immer nur darauf hinzuarbeiten, zu “gefallen”, um dann mit dem Leben beginnen zu dürfen.
Langsam denkt es daran, wie es wohl wäre, wenn ich mich einfach so, jetzt, leben lassen würde. Die Kilos annehmen würde, die kommen wollen, wenn ich sie nicht mehr mit Sport wegächze oder mit rigid-absurdem Essverhalten in Schach zu behalten versuche.

Phu, mir wird jetzt schon schwindlig vor Angst. Für heute gehe ich wohl lieber nochmal auf den Stepper. Aber tapfer, nur noch die Hälfte jetzt. Find ich schon schwer genug.

Ich bin noch weit weg von normalem Essen. Weit weg von einem gesunden Körperbild, weit weg von einem Selbstwertgefühl, dass das Wort verdient: Dem Gefühl, etwas WERT zu sein, ohne dafür strampeln zu müssen oder in eine Kleidergrösse zu passen. Ohne es “verdienen” zu müssen. Weit weg von einer inneren Entspanntheit.

Aber immer neugieriger. Und immer trotziger. Immer achtsamer darauf, wie viel mich diese Essstörung kostet, wieviel ich ihr von mir gebe. Wie böse ihre Stimme ist, wie müde sie mich macht. Wie einsam, eigentlich. Und dass das nicht ICH bin – ICH war doch mal verspielt, lustig, mit Flügeln in der Seele, mit Herz und Weichheit, mit Trotzigsein und Andersdenken, mit Ideen, mit Kochkünsten, mit gedeckter Tafel, mit offener Tür, mit … grösseren Jeans.

Kennst du das?

Wollen wir es wagen? In und durch den Tunnel? Wieder zurück dahin, wo wir unser ICH wieder finden und es wieder fliegen lassen dürfen?

Sei geherzt, wer immer du bist. Ich verstehe dich.