Du kennst sie, die Tage. Nichts, NICHTS, am eigenen Körper fühlt sich gut an. Man ist sich seiner Hülle so unangenehm bewusst, dass man sich in der alten Leier verfängt. Der Bauch! Die Oberschenkel! Zu dick! Hässlich! – Und los geht’s. Nichts ist recht, nichts gefällt, und alle Jeans, die mal zu weit waren, spannen.
Walfischgefühle. Und die ganze Wahrnehmung zoomt auf jeden möglichen Makel, den wir natürlich sofort gnadenlos hervorstreichen. Da! Der Spiegel zuckt sogar zurück vor diesem faltigen Gesicht. Logisch, niemand kann uns so jemals akzeptieren! Unser Gedankenkarussel geht los, notabene in die kreuzfalsche Richtung.

Statt uns mit Mitgefühl um unser Nichtgutfühlen zu kümmern, attackieren wir uns auf die niederträchtigste Weise.

Und weil uns niemand je Selbstachtung und Selbstsorge beigebracht hat, tun wir, was wir denken, werde von uns verlangt. Wir plagen uns im Fitness, wir zupfen an uns herum, wir planen Diäten, wir schwören und zu züchtigen. Wir planen Bestrafung. Für uns selbst! Eine Tragödie, die sich täglich vor Millionen von Spiegeln abspielt. Mädchen, Frauen, und neuerdings immer mehr Männer. Wir werden monothematisch, es schickt sich richtig, über den eigenen Körper schlecht zu reden, sich über die eigenen Imperfektheiten lustig zu machen, sich völlig zu verlieren in etwas, das komplett keinen Sinn macht. Die Hülle, unser Vehikel, das Ding, mit dem wir mit Mitmenschen in Kontakt kommen, das Haus, mit dem wir die Welt entdecken. Arme, mit denen wir unsere Lieben umarmen, Bäuche, die Kinder gebären. Und statt ihnen zu danken für die treuen Dienste, die sie uns trotz unserem ständigen Gemotze erweisen, motzen wir ständig.

Die Diät- und Fitnessindustrie freut’s. Die Schönheitsindustrie ebenso. Die verdienen Milliarden, ohne gross einen Finger zu rühren. Alles, was die machen müssen, um uns zu willigen Diätern, Fitnessabokaufern, Pillenschluckern und Faltencremekäufern zu machen, ist ein geschöntes, unrealistisches Foto und irgendwo das Wort “jung”, “schön”, “fit”, “schlank” oder “leicht” mit ihrem Produkt zu verbinden. Päng, wir sehen das und fühlen uns prompt ungenügend. Der Vergleich mit geschönten Bildern passiert uns täglich aberhundertmal und meist tappen wir blind in die Falle: Wir sehen uns als Ding, das wir “in Ordnung bringen” sollten. Als Wesen, das so wie es ist, nicht gut genug ist.
Seit Jahrzehnten tun wir brav, was uns die Werbebotschaften, Magazine, Plakate und sogar unsere “Freunde” vorbeten. Wir kaufen, operieren, hungern, kasteien uns und schlucken Pillen. Davon können genannte Industrien bequemstens leben und wir selber vergessen, wer wir selber eigentlich sind und wofür wir auf dieser Welt sind. (Ich tippe, es ist nicht, um brav ein Leben lang Diät zu halten.)

Ist es nicht Zeit, dass wir aufwachen und langsam wieder zu uns selber finden? Wieder hinhören, was uns unsere Intuition, die gesunde innere Stimme denn eigentlich sagt? Statt dem überall vorgegaukelten Schönheitsideal nachzurennen und dabei aufzuhören, zu LEBEN?

Ich glaube, wir können das.

Ich glaube, Körper kommen in verschiedenen Grössen und Formen. Genau, wie keine zwei Bäume gleich sind. Und das ist im Grunde nichts als wunderbar und genau so, wie die Natur es will. Krank und dick und hoffnungslos werden wir nur, wenn wir all die Diäten MACHEN. Sie können nicht funktionieren. Wir verlieren zwar jedesmal anfänglich Kilos, aber hauptsächlich verlieren wir den Zugang zu unserem eigenen, ursprünglich ganz gesunden Körpergefühl. Mit jeder Diät, mit jeder Stunde Zwangssport verlieren wir es mehr. Und der Körper, der lässt sich nicht so einfach manipulieren. Es ist vorprogrammiert, jedesmal, dass wir nach der Diät wieder zuschlagen. Nur geben wir dann uns selbst die Schuld. Wir haben versagt. Wir haben die Diät versifft. Denken wir. Aber dem ist nie so gewesen. Wir haben nur verlernt, nach unserem kindlich intuitiven Gefühl zu leben, uns aus Freude zu bewegen, mit Freude zu essen. Kein Wunder. Ich selber wurde ja schon mit 5-jährig auf die erste Diät gesetzt. Von da an ging das Jojo-Leben los und das Gefühl, nicht zu genügen und hässlich zu sein, wuchs und wuchs. Das versuche ich nun zu heilen. Und ich merke, wie schwer es ist, sich von diesen alten Zwängen zu lösen. Denn da sind sie, die miesen Tage, die Tage, an denen ich mich einfach wäääh fühle, denke, ich müsse anders aussehen um glücklich zu sein. Aber ich weiss es besser.

Ich weiss, was ich zu tun habe. Nicht mehr wie ein Schaf der Masse folgen und artig mein Leben vergessen, um dem Ideal halbwegs zu entsprechen. Ich möchte wieder lernen, ohne Angst zu essen, ohne Zwang an Bewegung und Sport heranzugehen, und mir bewusst werden, was ein “schlechter Körpertag” mir sagen will: Dass da Gefühle sind, um die ich mich kümmern muss. Den Körper aber, den sollten wir in Ruhe lassen und ihm einfach mal DANKE sagen, wie still und tapfer er unsere Irrtümer über sich ergehen lässt.

Ich möchte eine Welt sehen, in der alle Formen und Farben, alle Grössen und Weiten wieder geehrt werden. Eine Welt, in der wir der emotionalen Gesundheit ebenso viel Zeit widmen wie der körperlichen. Eine solche Welt urteilt nicht. In einer solchen Welt wird niemand beschämt oder ausgelacht, weil er nicht in ein Schema passt. In einer solchen Welt freuen wir uns über die Vielfalt, entdecken mit offenen Augen und sind neugierig auf die anderen da draussen. Vergleichen war gestern. Wer vergleicht, hat verloren.

Lasst uns wieder Menschen werden.

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