Wenn ich über den Körperkult und den Schlankheitswahn in unserer Gesellschaft nachdenke, kriege ich einen heissen Bauch und will laut werden, argumentieren, wettern.
Wenn ich mir vor Augen führe, wie uns da draussen täglich (stündlich? minütlich?) ein praktisch unerreichbares “Idealbild” aufs Auge gedrückt wird, und dass die Mädchen von heute mit durchschnittlich 7 (SIEBEN!) Jahren mit der ersten Diät anfangen, dann drängen sich Ausdrücke in meinen Hals, die ich sonst in den derbsten Fluchsümpfen meines Vokabulars versteckt halte.

Wenn ich daran denke, dass meine eigene Mutter nie eine andere Wahrheit entdecken durfte als die vom Schlanksein-Müssen-um-jeden-Preis, der sie ein Leben lang mit Hungern, Kalorien zählen, Schuldgefühlen und Diäten zu entsprechen versuchte. Dies – notabene – ohne dass sie je übermässig viel Weiches zum Weghungern auf den Rippen gehabt hätte.

Wenn ich daran denke, dass ich sie nie glücklich oder zufrieden erlebte, dass sie nie gelassen in ihrem Körper zu wohnen schien.

Mama. Sie fand sich immer zu dick, zu hässlich, zu weich.

Wenn ich denke, dass sie wiederum MICH auf die erste Diät setzte, als ich in den Kindergarten kam—obschon mein Körper in Wahrheit kaum wahrnehmbar weicher war als jener meiner Mitkindergartenkinder.

Moi. Schon damals Diäten gewohnt.

Wenn ich an all die Jahrzehnte denke, in denen ich glaubte, das morgendliche Wiegen (mit Gewichtsprotokoll an der Küchentür) und die karge Ernährung (halbe Grapefruits zum Frühstück, ein Pumpernickel und eine Karotte im Lunchsäcklein und Tiefkühlspinat mit einem Spiegelei zum Abendessen) habe damit zu tun, dass sie mich so nicht lieb haben konnte, ich offenbar kontrolliert werden musste und mir etwas “Normales“ halt nicht zustand. Dass mit mir irgendetwas nicht stimmte.

Wenn ich an all die Schuljahre denke, in denen ich der komplette Outsider war, weil ich weder je von Lila Pause, Kinderüberraschungen, Nutella oder Hamburger gehört hatte, kein lässiges Lunchpaket hatte und am Ende kleinlaut bei den anderen betteln ging.

Wenn ich daran denke, was das so mit meinem Selbstwert machte, meinem Gefühl, auf dieser Welt sicher und willkommen zu sein, meiner Wahrnehmung von meinem Spiegelbild und meiner Zugehörigkeit—oder eben dem Mangel an alledem.

Wenn ich daran denke, dass ich erst JETZT sehen kann, dass sie selber immer geglaubt hat, ihr Körper sei nicht in Ordnung so wie er war, dass die ganzen Zwänge, die sie sich und mir aufbürdete, nur Versuche waren, mich vor Ablehnung zu schützen. Ablehnung in einer Welt, die damals—und heute erst recht—besessen scheint mit Dünnsein.

Wenn ich daran denke, dass ich erst JETZT sehen kann, wie furchtbar unzulänglich sie selber sich gefühlt haben muss, dass sie sich mit allen möglichen Diäten jede Freude von den Knochen hungerte und ihren wachen Geist letzten Endes stumpf trank.

Wenn ich daran denke, dass ich in all den Jahren—auch lange nach ihrem Tod—überzeugt war, dass sie mich nie gewollt hatte, dass ich falsch herausgekommen war, oder schlicht und einfach nicht die Tochter war, die sie sich gewünscht hatte.

Wenn ich an all das denke, dann will ich zuallererst fluchen wie ein Italienischer Zementmischer mit einem Meth-Problem. (Ja, manchmal finde ich es herrlich, mich wüst auszudrücken. Einfach so.)

Aber ich tue es nicht.
Denn meine Wut ist nur ein sehr dünner Schutzschild über einem Abgrund fast unsäglicher Traurigkeit. In meinem Herzen sind schlicht keine Fluchwörter zu finden, wenn die Trauer sich zeigt. Traurigkeit darüber, auf wie vielen falschen Glaubenssätzen und Fehlwahrnehmungen ihr Leben, genauso wie mein eigenes Leben, gebaut waren.
Und—vor allem!—wie viele Leben da draussen es nach wie vor sind!

Die ungeliebte Einzigartigkeit, das ungelachte Lachen, die ungestreichelte Haut, die unausgedrückte Freude, die ungebackenen Kuchen, die ungefeierten Leben, die ungelebten Träume.—Ich habe viel verloren.

Die diversen Formen des Schlankheits-Diktats sind heute präsenter denn je. Die Diätmentalität ist überall um uns, sie hat sich in fast alle Konversationen unter Frauen geschlichen, ist in fast jeder Werbung, auf den meisten Titelseiten von Zeitschriften, im Subtext jeder üppigen Tafelrunde, in so manchem Kommentar auf einen Schnappschuss von sich selber, und in jedem unserer Urteile über den Körper anderer Leute.

Das nagt an uns allen und zeigt sich daran, dass in der westlichen Welt überwältigende 98 Prozent der Frauen nicht zufrieden sind mit ihrem Körper.  Wo man hinhört, finden sich Frauen—und zunehmend Männer…—zu dick, nicht schön genug, nicht straff genug.
Und beschuldigen sich selbst dafür!
Alle möchten verzweifelt schöner, schlanker, fitter werden, machen wie vergiftet Sport und essen nur noch mit tausend Einschränkungen. Wir sind mittlerweile fast alle vollkommen auf unsere Körper fixiert.

Das ist schlimm genug für jene, die ein gesundes Mass an Selbstwert mitbringen. Jene jedoch, die ohnehin schon mit einer verletzten Seele im Leben stehen, können sich mit dem allgegenwärtigen Schlankheitsdruck in unserer Gesellschaft ziemlich schnell in Selbstzweifeln verlieren und ein ganzes Leben damit verschwenden, alles zu tun, um “dazuzugehören“.

Meine Mutter war eine von denen. Sie wuchs in einem sehr instabilen Haushalt auf, hatte nie einen inneren Boden. Wenn ich zurückschaue kann ich mir nur vorstellen, wie überfordert sie gewesen muss mit ihrem Leben. Also hat sie endlos versucht sich in Form zu slim-fasten, sich liebenswert zu hungern, sich zur “akzeptablen” Frau zu formen. Das konnte nicht klappen. Es klappt nie. Also übergab sie die Zügel letztendlich ihrem zweiten teuflischen Gehilfen, dem Alkohol. Sie ertrank ihre Gefühle von Wertlosigkeit in so vielen Gläsern Wein, dass die Götter aufhörten zu zählen.

Am Ende ist sie gestorben, ohne dass sie je erkannt hätte, dass sie in Tat und Wahrheit ein vollkommen liebenswertes Wesen war, gleichwertig mit allen andern. Dass sie mit Sicherheit Unterstützung bekommen hätte, wäre sie es sich nur Wert gewesen. Die Rechnung ging für niemanden auf. Nicht für mich, nicht für sie. Es kostete mich meine Kindheit—ein unberechenbares, unsicheres, häufig gewaltgeprägtes Kapitel in meinem Leben. Es kostete sie alle ihre Beziehungen, allen voran jene zu sich selber und jene zu ihrer eigenen Tochter. Und es kostete sie ihr Leben.

Die Ironie?

Kurz nach ihrem Tod begann ich zuzunehmen. Logisch. Endlich durfte ich essen! Also ass ich mit Gusto. Und als mein Spiegelbild plötzlich “DU BIST ZU DICK“ zu schreien schien, ging ich auf meine erste Diät. Und dachte dabei: “Mama musste recht gehabt haben. Mich kann man einfach nicht normal essen lassen.“

Ja, ich habe einige schreckliche Dinge erlebt und Szenen sehen müssen, die ich lieber aus meinem Gedächtnis löschen würde. Aber ich habe es überlebt, ich bin noch da!
Nur… Statt stolz zu sein auf mein zähes Wesen, fand ich mich selber ungenügend, fehlerhaft, hässlich. Ich bin dankbar, dass ich nie in Süchte wie Alkohol oder Drogen abgerutscht bin—das hätte mir ganz leicht passieren können. Mich zwang etwas anderes in die Knie.
Ich stolperte mit meinem ganzen Restselbstwert über die Botschaft des Schönheitsideals und fühlte mich furchtbar in meiner Haut. Da waren Jahre, in denen ich am liebsten alles Weiche an mir hätte wegschneiden lassen, so gross war der Hass darauf.
Bis ich 40 Jahre alt war, und manchmal noch heute, hätte ich lieber einen anderen Körper. Übersetzt: Ich verbrachte Jahrzehnte (!) damit, mich mit “Das darf ich nicht essen“, “Ich muss noch mehr Sport machen“, “Ich hätte gestern nicht wieder so zuschlagen sollen“, “Wieso bin ich so eine Versagerin“ und “Ich muss mich kontrollieren, sonst werde ich zu dick“ in ein Leben zu zwängen, das letzten Endes kein wirkliches mehr war. Alles ein verzweifelter Versuch, dazuzugehören, “gut genug“ zu sein und nicht als Versagerin wahrgenommen zu werden.

Ich dachte, dass ich schöner sein müsste, um liebenswert zu sein.

Weisst du, in all den Jahren habe ich kein einziges Mal hinterfragt, ob der “Fehler“ wirklich bei mir liegt. Die innere kritische Stimme war so laut, dass ich dachte, sie sei “ich“ selber. War doch klar, dass ich der Fehler sein musste, alle andern sahen ja super aus! Das klang so wahr, dass es einfach zur Normalität wurde für mich. Und das war sie auch, bis ich vor zwei Jahren wirklich keine Kraft mehr hatte vor lauter pausenlosem Sport und völlig abstrusen Essgewohnheiten.

Erst jetzt—und das erst ziemlich zaghaft—fange ich an, den Mut zu entwickeln, mich selber zu werden, meine Geschichte anzunehmen, mit der Scham aufzuhören, die Zwänge abzulegen. Erst jetzt sehe ich klar, was für Irrsinn wir in dieser Gesellschaft ständig unbewusst mitbekommen, wenn wir Zeitschriften lesen, Werbungen sehen, uns mit Berühmtheiten vergleichen, ständig selbstverachtende Dinge von uns geben (“Ich bin viel zu dick“, “Ich hätte gestern kein Stück Kuchen essen sollen“, “Das muss ich mir abverdienen“, “Ich muss die Sommerfigur noch antrainieren“).
Das trennt uns nicht nur von unserem eigentlichen Wesen, das trennt uns auch voneinander.
Das will ich nicht mehr.
Darum bin ich daran zu lernen, mich so anzunehmen, wie ich bin. Das ist viel schwerer, als ich meinte, aber es fühlt sich jetzt schon unendlich viel besser an. Der Weg ist noch weit, bis ich wieder ohne Schuldgefühle esse und nur dann Sport mache, wenn mein Körper sich danach fühlt. Aber ich will bei meinem letzten Atemzug sagen können, dass ich mich selber lieben lernte, auch ohne irgendeinem Schönheitsideal Sklavin zu sein.

Das mache ich nicht nur für mich. Ich tue es für Mama. Und für all die unzähligen tollen Frauen da draussen, die noch nicht daran glauben, dass sie gut genug sind, so, wie sie sind.

Vielleicht siehst du jetzt, warum ich heute einfach zu traurig bin, um über unsere Gesellschaftszwänge zu fluchen.

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