Seit ungefähr einem halben Jahr – seit meinem Bandscheibenvorfall, der mich in die Knie zwang – habe ich viel mehr Zeit. Viel mehr Zeit, in der mein Kopf böse Dinge gegen mich ausspuckt, viel mehr Zeit, in der mich Sorgen plagen, viel mehr Zeit, in der mir schmerzlich bewusst wird, wieviel Zeit ich eigentlich meinen Ängsten und Zwängen schenke. Vor lauter Angst, man könnte mich verspotten oder ausschliessen, wollte ich schon als Kind unbedingt mehr so sein wie “alle anderen”. Und weil an mir so vieles so anders war als bei “allen anderen”, war ich jahrelang damit beschäftigt, mich ändern zu wollen. Nichts an mir war gut genug, so wie es von Haus aus geliefert kam. Ich fand mich zu dick, zu fad, zu ungeschickt, zu unförmig, zu fadenhaarig, zu x-beinig, zu zahnfleischlächlig, zu unathletisch. Also tat ich, was so manche Frau tut: Ich diätete. Anfangs – wie bei jeder Diät – auch ganz erfolgreich, doch eben… Das war der Anfang. Als ich mein Glück beim tieferen Gewicht nicht fand, dachte ich, es sei halt einfach noch weiter unten, ich hätte mich noch nicht genug kasteit. Irgendwo musste ich dieses “gut genug” doch finden? Nicht einmal bin ich auf die Idee gekommen, dieses Gefühl da zu suchen, wo es auch tatsächlich zu finden ist: In mir drin. Ich suchte es verbissen im Aussen. Ich diätete, als ob der Teufel hinter mir her wäre. Ich trainierte wie versessen und war nach Jahren intensiven Sports immer noch überzeugt, es sei noch nicht genug. Noch nicht genug gehungert, noch nicht genug geformt, noch nicht genug geschwitzt. Ich war überzeugt, dass ich “halt leiden muss”, um dazuzugehören. Ach, diese Geschichte, die hat so viele dunkle Kapitel, sie füllt ein ganzes Buch. Was ich sagen will: Ich tat es völlig unschuldig und blind! Ich hinterfragte weder die Botschaften, die mir seit Kindheit in die Seele gepfeffert wurden, noch das gängige – immer absurder dünne – Schönheitsideal. Ich sah nur, dass ich dem allen nicht entsprach, und so war es schnell passiert, dass mein ohnehin schon nur bedrohlich kleines Selbstvertrauen restlos an meiner eigenen Betonwand zerbröselte.

Bodieshear

Und als nun in den letzten Monaten mit den intensiven Nervenschmerzen vom Rückenleiden die Ängste auch deshalb immer intensiver wurden, weil ich begann, zuzunehmen, nahm ich beseelt einen längst überfälligen Schritt zurück und begann, mich von Grund auf zu informieren. Ich lernte, was einen Frauenkörper dazu bringt, den natürlichen Menstruationszyklus aufzuhören: Stress, Übertraining, zu wenig oder sehr einseitige Nahrung, innere Anspannung. Dass da auch Sport massgeblich beteiligt ist, denn – entgegen der gängigen Meinung, dass mehr automatisch besser heisst – jedes Ausdauertraining (das wir besessenen Kalorienverbrenner ja vornehmlich betreiben) dazu führt, dass im Körper das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird: deshalb lässt der Abnehmeffekt auch plötzlich nach, und man denkt, immer noch mehr machen zu müssen, um das Gewicht tief zu halten. Der Körper ist aber nur noch gestresst und vor lauter Cortisol je länger je kränker. Und plötzlich nützt nichts mehr, man fühlt sich nur noch todmüde, erschlagen, seelisch und körperlich am Ende. So gesund kann Sport sein! Hm. Das wusste ich in all den Jahren der Überbelastung nicht, ich hatte keine Ahnung. Ich hatte genauso wenig das Bewusstsein darüber, wer eigentlich profitiert von unserem Gefühl, nicht zu genügen. Wer da eigentlich Milliarden verdient und kein bisschen daran interessiert ist, dass wir uns besser fühlen. Die Schönheitsindustrie zum Beispiel, die freut sich krumm, wenn wir unsere Nasen gerade-operieren lassen. Die Fitnessindustrie zum Beispiel, die lehnt sich in goldenen Sesseln zurück, während wir unser Abendessen abstrampeln in einem der tausend Studios. Die Diätindustrie zum Beispiel, die mit leichtem Herzen “light” und “leicht” und “ohne Sünde” oder “slimline” auf ihre Produkte klebt und uns damit das Leben schwermacht. Wir rennen, wir zahlen, wir machen alles, um den vermeintlichen Anforderungen –  denen man gar nie gerecht werden kann, ohne dabei todunglücklich zu werden – zu erfüllen.

Plötzlich wurde mir vieles klar. Und während ich diese Angst spürte, dass man mich nun nicht mehr mag, weil ich wieder beginne, zuzunehmen – jetzt wo ich nicht mehr täglich 2-3h Sport mache und auch dem Impuls widerstanden habe, im Gegenzug dafür auf den nächsten Diätzug zu springen – genau in diesem Moment fragte ich mich, ob ich wirklich – wirklich! – wieder so dünn sein wollte wie in den vergangenen 4 Jahren. So dünn, dass in einem ganzen Tag gar nicht mehr viel anderes möglich war als obsessive Gedanken ans Essen (wollen und nicht dürfen) und an Kalorienrechnereien, mit denen ich mein tägliches Sportzwangspensum festlegte. So dünn, dass es es mir weh tat, auf einen harten Stuhl zu sitzen; ein Gefühl, als würde mein Steissbein durch die Haut gebohrt. So dünn, dass mir ständig – an 365 Tagen im Jahr! – eiskalt war. Egal, ob Sommer oder Winter, mir war kalt, von innen heraus kalt… Noch bis vor sehr, sehr kurzem war mir jeder Gedanke an Intimität dermassen zuwider, weil ich mich selber nicht ausstehen konnte, und IMMER noch glaubte, ich müsse noch dünner werden, noch mehr leiden, bis man mich lieben könnte.
Nein. Dahin will ich nicht zurück. Ich lerne jetzt, mich selber zu lieben. So wie ich bin. Mit allen Makeln.
Und doch, da bleibt dieses diffuse Gefühl, es nun nicht mehr unter Kontrolle zu haben, immer wieder diese Gedanken im Kopf, die mir einreden wollen, ich müsse demnächst wieder ein paar Kilo abnehmen.Diese Leier kommt mir langsam bekannt vor, ich möchte ihr nicht mehr auf den Leim gehen. Denn das ist keine gesunde Leier. Es ist eine so glasklar irrationale Sache, dass mir jetzt klar ist: Das KANN mit dem Körper gar nichts zu tun haben kann. Denn grundsätzlich fühle ich mich wieder viel, viel vitaler und strahlender. Und ja, ich muss wieder neue, grössere Hosen besorgen, das ist bekackt, aber auch nicht so bekackt wie es beknackt war, sich über kleinere Hosen zu freuen.

Ich will die Industrien nicht füttern. Und ich will ab sofort nie mehr Fett-Sprache hören unter Frauen. Das tut uns nicht gut! In vielen Frauen ist dies so verankert, dass sie es wohl kaum merken. Ständig – ständig – reden sie abwertend über ihre Körper. Sie zwicken sich vor Freundinnen in die Bäuche, reden nur vom “abnehmen-sollen” oder “zugenommen-haben” und verstärken gegenseitig diese Schnapps-idee, dass wir – so wie wir sind, individuell in Form und Geist – nicht genug sind. So geben wir das schon unseren Mädchen weiter, die sofort spüren, wenn wir nicht wohl sind in unserer Haut, wenn wir glauben, hinter dem “Dünn”-Konzept stecke die Freiheit, das Glück.

Nein, dort ist es nicht. Wirklich nicht. Ich schwörs. Wir dürfen aufhören damit, dem irren Ideal nachzueifern und dabei zu vergessen, wie leben geht. Wir dürfen einfach wieder sein. Essen, Freude haben, Sportschuhe liegen lassen und uns über die Bäuche streichen lassen.

Alles andere ist Irrsinn. – Ich glaubte ihn 41 Jahre lang.

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