… ist eine verdammt schwierige Sache.

So wie in unserer Kultur “Schlanksein“ als Heiligen Gral hochbeschwört wird, ist es zur himmeltraurigen “Logik“ geworden, dass wir ganz automatisch davon ausgehen, unsere Liebenswertigkeit hänge davon ab, wie gut wir dem vorgegaukelten Ideal entsprechen.

So wie uns aus jeder Zeitschrift und aus jeder zweiten Werbung ABNEHMEN entgegen gebrüllt wird, uns Diätpillen, Shakes, Saftkuren und Lifestyle-Diäten verkauft und uns Bootcamp-Trainings und Poweryoga verschrieben werden, ist es zur ebenso himmeltraurigen “Logik“ geworden, dass wir uns so gut wie verpflichtet fühlen, alles zu versuchen, um im Schlankclub dazuzugehören.

Und so wie in den Massenmedien praktisch ausschliesslich dünne, meist junge weisse Frauen repräsentiert werden, wir also tatsächlich nur den allerkleinsten Anteil der realen Bevölkerung zu sehen bekommen—natürlich NACH Photoshop!—, ist es zur noch himmeltraurigeren “Logik“ geworden, dass mit unserem Körper, so wie er ist, etwas nicht stimmen kann.
Überrascht es da, dass über 90 Prozent der Frauen unglücklich sind mit ihrem Körper?

Eigentlich lebt es sich doch für alle miserabel in unserer Diätkultur. Nur die Diät- und Fitnessindustrie freuen sich diebisch über unsere Körperkrise. (Wenn du ganz leise bist, hörst du sie lachen, wenn sie die Milliarden zählen, die sie an unseren Selbstzweifeln verdienen.)

Ich fühle mich machtlos und traurig und wütend, wenn ich sehe, wie Frauen sich damit “verbinden“, ihren Körper öffentlich schlecht zu machen und gegenseitig ihre so genannten “Makel“ zu vergleichen. Da ist dieser grassierende, tragische Trend entstanden, dass Frauen alles, was mit “Abnehmen“ zu tun hat, automatisch zum Thema Nummer eins gemacht werden.

Bitte! Hört! Auf!

Frauen, lasst uns über das Leben reden, über Kreativität, über Liebe, Philosophie, über Politik meinetwegen! Alles, ausser die Anzahl eurer konsumierten Kalorien.
Das haben wir nicht nötig.

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Uff… 11 Paar Jeans, deren Sitz bestimmte, wie ich mich fühlte.

Die Frage jedoch bleibt:
Wie zum Teufel sollen wir die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Spiegelbildes und gestörtes Essverhalten heilen wenn uns noch überall vorgeflötet wird, wir sollen unseren Körper lieben—aber bitte erst, wenn wir fit und dünn sind.
Dieser ganze widersprüchliche Irrsinn hält uns gefangen in dem erschöpfenden Teufelskreis von Diät machen, kurzfristig “Erfolge“ verbuchen, irgendwann das logisch folgende Essgelage, Verzweiflung und Zwangssport. Für immer. Und immer. Auf Autopilot.

Wir erklären automatisch—und das recht beharrlich!—, dass wir mit mehr Gewicht nie unser Glück finden können. Klar. Weil wir nie glückliche Dicke zu sehen bekommen! So nehmen wir an, dass die alle todunglücklich und einsam sind.

Nur… Mooooooment mal.
Ich bin doch diejenige, die todunglücklich und einsam ist!
Und das in einem Körper, der von aussen gesund und schlank aussieht.
Der ganze “dünner = glücklicher“-Wahn stinkt zum Himmel.
Wenn du nur etwas mitnimmst von diesem Blogeintrag, bitte nimm das mit:

Die Unglücklichen erkennt man nicht an ihrem Gewicht.

Die, die unglücklich und einsam werden und ihren Körper verachten sind jene, die diese ganzen toxischen Botschaften glauben und die Verbindung zwischen Glücklichsein und tiefem Gewicht verinnerlicht haben.

Nur dumm, dass wir die Falle nicht erkennen, bis wir längst drin sind.
Nimm mich: Ich war “zu dick“, und ich legte los mit Diäten und Sport. Heute, 20 Jahre später, bin ich immer noch schlank, zeitweise war ich sogar spindeldürr, ich gehöre also zu den wenigen “erfolgreichen“ Diäthaltern (sprich: zu den sturen, verbissenen Perfektionisten, die ihre Lebensenergie dafür hergeben, ihr Gewicht tief zu halten, denn das bleibt ja nicht einfach so unten.) Ich entwickelte strickte Essregeln, fing an, mich für jeden Ausrutscher zu verurteilen, vernachlässigte meine Kreativität, meine Freunde und meine unkomplizierte Art, um meinen Körper im Fitness zu schinden. Kurz gesagt: Ich habe angefangen zu glauben, dass ich unter keinen Umständen die Kontrolle verlieren dürfe, wenn ich nicht im Handumdrehen wieder dick und erneut von allen verspottet werden wolle.

All diese Leiderei. Nur um dazuzugehören. Nur um akzeptiert zu werden. Um geliebt zu sein.

So eine Kultur wie unsere macht eine gesunde, unaufgeregte Beziehung zu Essen und Sport kompliziert und angstgesteuert.
Doch der Weg aus diesem essgestörten Schlamassel führt zwangsläufig durch die Angst. Weil uns eingetrichtert wird, “dick“ heisse unglücklich, heisse Spott, heisse Ausgegrenztsein, klingt das Natürlichste plötzlich wie nackter Wahnsinn:
Wieder nach Lust und Bedürfnis essen. Wieder alles essen. Nicht mehr hungern. Sport nur aus Freude—nicht, um Essen abzustrampeln oder Kalorien verbrennen zu “müssen”. Überhaupt: Keine Kalorienzählerei! Die Waage aus dem Fenster schmeissen! Den Körper sein natürliches, unangestrengtes Wohlfühlgewicht finden lassen. Kleider kaufen, die passen und bequem sitzen. Lernen, sich so zu lieben, wie man bist.

Das ist verdammt hart in einem Umfeld von Diätgeschwätz und Fettdiskriminierung!
Das ist verdammt hart mit der klaren Erinnerung daran, wie viele Menschen mir zum Gewichtsverlust und meiner disziplinierten Sportlichkeit gratulierten.
Das ist verdammt hart, wenn alles um uns herum durchtränkt scheint von Diätbotschaften, retouchierten Models, Fernsehshows wie „The Biggest Loser“ und “Germany’s Next Top Model”. (Mir wird schlecht.)
Gesunden heisst, das alles gehen zu lassen.

Gesund werden heisst, sich von der Anerkennung anderer Leute unabhängig zu machen.

Es ist hart.
Ich mag wie ein lächerlicher Feigling klingen, aber an manchen Tagen scheint es absurd riskant zu glauben, dass mein Körper auch dann liebenswert ist, wenn er nicht mehr als “perfekt“ oder “superfit“ wahrgenommen wird, wenn er weich und kurvig wird!
An manchen Tagen scheint es absurd riskant, mich erneut aus einem Gespräch zu verabschieden, in dem Abnehmen und Diäten im Zentrum stehen, denn obwohl es meiner Seele besser tut, werde ich als Outsider wahrgenommen und fühle mich alleine.

Wäre es nicht so viel einfacher, wenn wir einfach ALLE “stopp!” sagen und zusammen stark werden könnten? Und uns zusammen gegen diese irren Gesellschaftszwänge zu wehren?

Alleine ist es verdammt schwierig. Und es macht mir Angst.
Es braucht Mut, alte Glaubenssätze auflösen, wenn die Unwissenheit Glatteis bedeutet.
Ich weiss, dass mir niemand gratulieren wird, wenn ich wieder etwas runder werde—auch wenn ich dann ohne Zwänge leben kann und damit wohl das Grösste erreicht habe.
Ich weiss, dass mir niemand gratulieren wird, wenn ich meinem Körper statt Schikane mal Erholung schenke, nicht mehr “die Supersportliche” bin— auch wenn mein Körper endlich aufatmen und gesunden kann (und mir vielleicht sogar wieder eine Periode beschert, bevor das Thema im Schlund der Wechseljahre verschluckt wird.)

Keiner klatscht für die grössten Erfolge.

Wenn du dich angesprochen fühlst und weisst, wie ich mich fühle, lass uns Hände halten und nicht vergessen: Unsere Kultur ist vollkommen verdreht.
Wir sind völlig in Ordnung, so wie Mutter Natur uns gemacht hat.

Mann, ist das hart.

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