Kennst du das?

Du bist weiter als auch schon, du schaust dir Webseiten an, informierst dich, wie der Weg aus verkorkstem Essverhalten und dem eigenen himmeltraurigen Körperbild denn aussehen könnte/müsste. Merkst schon beim Lesen, bzw. beim Youtube-Videos-Schauen, dass das nicht ganz einfach sein dürfte. Möchtest gern schon am andern Ende des Tunnels sein, bist es aber nicht nur NICHT, sondern bist noch nicht mal IM Tunnel des “Weges zurück”. Stehst davor, siehst wie dunkel es da aussieht und traust dich nicht rein.

Alles, was du willst, liegt auf der anderen Seite der Angst.
Alles, was du willst, liegt auf der anderen Seite der Angst.

 

Nicht, dass es SO, WIE ES JETZT IST nicht ebenso dunkel wäre…
Aber da weisst du wenigstens, wer der Boss ist. Oder glaubst es zumindest. Hast wenigstens das Gefühl, dass du die Kontrolle hast, weisst, wie du die grossen Ängste im Griff behalten kannst. Natürlich weisst du auch, dass die Essstörung die Kontrolle hat, aber du bildest dir ein, dass du lieber in DIESEM Dunkel bleibst, statt das Risiko einzugehen, die Kontrolle total zu verlieren.Du denkst dir, dass du wahrscheinlich leider eben doch das einzige Wesen bist, bei der dieser “Weg heraus” nicht funktioniert, dass du 100 Kilo zunehmen wirst, dass du NIEMALS aufhören wirst mit essen, dass du NIE mehr ein paar Joggingschuhe in deine Nähe lässt, dass es ALLES KATASTROPHAL ENDEN WIRD.
Irgendetwas glaubt, dass DU dir nicht erlauben kannst, normal essen zu lernen und nicht wie vergiftet Sport zu machen, um die Kalorien wieder loszuwerden und um das nächste Essen zu verdienen. Dass das irgendwie einfach nicht aufgehen KANN, wenn du da die Kontrolle lockerst.

Und etwas in dir reckt sich trotzdem. Will raus. Ausbrechen aus diesem irren Käfig. Nicht mehr Sport machen MÜSSEN, nicht mehr Angst haben vor dem Essen, nicht mehr nur ENTWEDER alles essen, was dir in die Finger kommt, ODER gar nichts essen, nicht mehr wie ferngesteuert zwischen MÜSSEN und DÜRFEN oszillieren.
Denn irgendwie war das ja nicht so gedacht. Gedacht war, dass man mit etwas “Vernunft” und “Sport” das Bäuchlein und die für zu dick befundenen Oberschenkel ansehlich machen könnte. Gedacht war, dass das Leben NACHHER losgehen kann. Und irgendwie merkst du langsam, dass es irgendwie nie losgeht, dass es irgendwie nie “genug gut” ist. Ist man mal dünn, ist es sau-anstrengend, dies zu halten. Das Hirn ist damit beschäftigt, wie man wo was essen soll/darf, und wie man wo wieviel Sport machen muss. Dann nimmt man unerklärlicherweise wieder zu, und schon platzt die Angst zur Tür herein und versperrt jeden Weg nach vorn. Das geht nun doch schon lange so, nicht wahr? Wie lange eigentlich? Sieht doch verdächtig danach aus, dass sich dies so schnell nicht in eine rosarote Glückswolke verwandelt und plötzlich die grosse Leichtigkeit und der zufällig so geschenkte Superkörper sich einstellen und dir das OK geben, nun mit dem eigentlichen Leben anzufangen.

Verdammt, wie lange schon? 22 Jahre sind es bei mir jetzt. Seit ich 20 bin.
Und davor? Eigentlich hat die Zwangsdiäterei doch schon mit 5 Jahren angefangen, unfreiwillig.
Und später, als die Diät-Mama nicht mehr da war, liess ich ein paar Jahre Genuss zu, zuviel, wollte endlich essen dürfen… Und wurde dick. Und schon war sie wieder da, die Diät-Mama, diesmal nicht mehr als lebendige Mutter, sondern intern, in meinem Kopf. Die gnadenlose Instanz. Und ich beugte mich ihr wieder, der Vorstellung, ich sei erst akzeptabel, wenn ich schlank, dünn, sportlich, stark bin.

Und jetzt? Jetzt sehe ich dies immer klarer, sehe, dass das Leben nicht einfach so anfängt, wenn ich mir nicht selber das grüne Licht dafür gebe. Und da steht mir die Angst im Gesicht. Denn da ist der Tunnel…

Das Leben ohne Essstörung leben heisst, mit dem Körper, der einem gegeben wurde, gut auszukommen und ihn nicht mehr in Formen, Kleidergrössen oder Sportzentren zu zwingen, sondern ihn als das zu sehen, was er ist: Unser Transportmittel auf dieser Erde. Einsehen, dass ein Auto mit kapputtem Motor noch so schön aussehen kann und trotzdem nirgends hinfahren wird. Sich mit dem Modell anfreunden, dass nicht “schön” sein muss, sondern einen gesunden Motor hat und uns viele schöne Dinge im Leben zeigt, uns an schöne Orte bringt, mit uns etwas erlebt. Mit uns lebt. Die Analogie mit dem Auto ist etwas lahm, ich weiss, aber trotzdem…

Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ich habe Angst vor Gewichtszunahme. Angst, dass mich dann alle als “fehlerhaft” sehen, dass ich ausgestellt bin, dass man mit dem Finger auf mich zeigt, nicht mit mir “spielen” will. Tief drin sitzt die, und sie ist mit keinerlei Rationalität zu besiegen.
Dies ist mir etwas peinlich, schliesslich bin ich eine 43-jährige Frau und sollte über dies in Perspektive sehen können. Kann ich aber noch nicht.

Doch langsam, ganz ehrlich, habe ich die Schnauze voll. Voll, immer im Stress zu sein mit mir selber, immer nur darauf hinzuarbeiten, zu “gefallen”, um dann mit dem Leben beginnen zu dürfen.
Langsam denkt es daran, wie es wohl wäre, wenn ich mich einfach so, jetzt, leben lassen würde. Die Kilos annehmen würde, die kommen wollen, wenn ich sie nicht mehr mit Sport wegächze oder mit rigid-absurdem Essverhalten in Schach zu behalten versuche.

Phu, mir wird jetzt schon schwindlig vor Angst. Für heute gehe ich wohl lieber nochmal auf den Stepper. Aber tapfer, nur noch die Hälfte jetzt. Find ich schon schwer genug.

Ich bin noch weit weg von normalem Essen. Weit weg von einem gesunden Körperbild, weit weg von einem Selbstwertgefühl, dass das Wort verdient: Dem Gefühl, etwas WERT zu sein, ohne dafür strampeln zu müssen oder in eine Kleidergrösse zu passen. Ohne es “verdienen” zu müssen. Weit weg von einer inneren Entspanntheit.

Aber immer neugieriger. Und immer trotziger. Immer achtsamer darauf, wie viel mich diese Essstörung kostet, wieviel ich ihr von mir gebe. Wie böse ihre Stimme ist, wie müde sie mich macht. Wie einsam, eigentlich. Und dass das nicht ICH bin – ICH war doch mal verspielt, lustig, mit Flügeln in der Seele, mit Herz und Weichheit, mit Trotzigsein und Andersdenken, mit Ideen, mit Kochkünsten, mit gedeckter Tafel, mit offener Tür, mit … grösseren Jeans.

Kennst du das?

Wollen wir es wagen? In und durch den Tunnel? Wieder zurück dahin, wo wir unser ICH wieder finden und es wieder fliegen lassen dürfen?

Sei geherzt, wer immer du bist. Ich verstehe dich.

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