Dachte mir nichts Böses, trug meine Einkäufe die Stufen hoch. War schon fast oben, ein Stockwerk noch, als mir die spindeldürre Nachbarin unterhalb eine Frage zubellte, die ich nie mehr vergessen werde. Nicht, dass die Frage allein nicht schon unangebracht genug gewesen wäre, nein, insbesondere darum, weil sie von einer Frau kam, die mich in den drei Jahren, in denen ich dort wohnhaft war, nie je eines Blickes gewürdigt hatte, oder wenn, dann höchstens eines abschätzigen. “Bist du schwanger?” – das waren die einzigen drei Worte, die die karge Frau im Treppenhaus je an mich richtete.

Das muss ungefähr 2008 gewesen sein. Seither ist ziemlich viel schief gelaufen. Natürlich ist daran ist nicht die hagere, meist gereizt blickende Frau schuld. Die Pistole an meiner eigenen Schläfe war längst geladen, ihre Frage hat bloss noch den Abzug gedrückt. Nach Jahrzehnten von Diäten und Sportplänen, heimlichen Ess-Fantasien und Spiegel-Aversionen war nicht annähernd fähig, mir diese saublöde Frage vom Revers zu wischen. Sie blieb an mir kleben, in mir stecken, brannte sich ein, höhnte wie ein teuflisches Echo in ewiger Rückkopplung in meinem Kopf. Sie hatte meinen wunden Punkt getroffen. Ja, ich hatte wieder etwas “nachgelassen”, ein paar Kilo zugenommen. Das Gespenst meiner Vergangenheit reckte sich wieder: “Jetzt wirst du wieder dick. Dann können alle auf dich zeigen und sagen, sieh her, sie hat versagt, sie hat es eben doch nicht geschafft, ihr Gewicht unten zu halten.” Die Gedanken verquirlten sich zu einem giftigen Cocktail. Nun, es wäre theoretisch möglich, dass die Frau im 5. ihren spöttischen Unterton bewusst einsetzte, aber ganz ehrlich, es ist genauso möglich, dass sie einfach so ist, und dass sie vielmehr selber so mit sich spricht. Sie wirkt nämlich weder entspannt noch zufrieden, und so angestrengt knöchern wie sie herumstakst, quälen sie ziemlich sicher ganz ähnliche Selbstzweifel. “Bin ich dünn genug, schön genug? Bin ich gut genug?” Allein die Tatsache, dass sie nur gerade dies, meinen Bauch, wahrnimmt, auf ihn achtet, ihn wertet, zeigt kein Bild einer in sich ruhenden Frau. Dass sie sich zudem veranlasst fühlt, mir ausgerechnet diese Frage zu stellen, noch ohne meinen Namen zu wissen, müsste mir verdächtig vorgekommen sein. Dass es genauso ihr Thema sein könnte wie meins. Dieses ständige Gefühl, nicht zu genügen, nicht angenommen zu werden, sich ändern zu müssen, um geliebt zu werden.
Die Frage war gestellt, und – päng! – schon war sie weg, ihre Wohnungstür zu.
Ich möchte nicht mit dem Finger auf sie zeigen. Ein Teil von mir möchte sie umarmen für ihr eigenes, offensichtliches Unglücklichsein, und ja, ein anderer Teil von mir möchte ihr laut und deutlich ins Gesicht sagen, wie sehr mir ihr Tonfall, mit der sie eine an sich unschuldige Frage stellte, mich verletzt und erschüttert hat. Wie es mir nicht gelingen will, selbst all die Jahre später, den Vorfall, den Ton, dieses Gefühl von brennender Scham, Ausgestelltsein und Nichtgenügen zu vergessen. Dass ich sie häuten könnte, manchmal, dass sie mich so fragte. Und dass ich sie trotzdem verstehe, weil ich sie ja sehe. Sie ist nicht glücklich.

Nur leider konnte ich beides nicht. Jedes rationale Wissen um diese unglückliche Situation half mir herzlich wenig. Der Abzug war gedrückt, die Kugel war auf Herzkurs. Und da wurde erst einmal alles kurz und klein gehackt. Von Selbstverachtung bis Spiegel-Übelkeit bis hin zu Hassgedanken über meine Existenz, das giftige Potpourri entfaltete schön langsam seine gewaltige Wirkung. Ja, ich begann wieder mit Diäten, mit “Brot-ist-verboten”, mit “Schokoladenkuchen-für-alle-aber-nicht-für-mich”, mit “ich-muss-halt-leiden-damit-man-mich-akzeptiert”, mit “dann-zwing-ich-mich-halt-wieder-für-mehr-verhasstes-Jogging-und-mehr-Stunden-im-Fitness”. Und wie ich so bin, tat ich dies alles mit einer unerschütterlichen, gnadenlosen Disziplin. Ich wollte es ihr zeigen. Ich wollte ihr ohne Worte genauso spöttisch zeigen, wie locker ich sie überholen kann, wie leicht ich sie in den Schatten stellen kann, ich wollte ihr ein für allemal den giftigen Mund vergällen. Ich wollte Neid statt Spott. Ich war in einem völlig unbewussten, unverbundenen Zustand mit mir selbst und der Welt. Statt mit Mitgefühl für mich selber zu agieren, nahm ich mich an die kürzestmögliche Leine, zwängte mich in den Schraubstock, der nur eines zum Ziel hatte: Mich endlich liebenswert machen zu wollen. Die Spotter, die Beschämer und die Fingerzeiger zum Schweigen zu bringen.

Mit Hass und Druck? Mit Verboten und Zwängen? Mit Strafen und Verurteilen?

Irgendwie scheint es im Nachhinein nur traurig.
Was das Gewicht angeht, funktionierte mein Konzept ein paar Jahre trügerisch gut. Jeder, der sich keinen Genuss mehr gönnt – weniger! weniger! – und sich contre-coeur tägliche Sportdrills aufzwängt – mehr! mehr! – verliert Gewicht. Verliert aber auch jegliche Sinnlichkeit, Weichheit, jegliche innere Entspannung, und vor allem: Jeden natürlich-liebevollen Zugang zu sich selber.
Das merkte ich aber gar nicht richtig. Hauptsache, ich konnte mein Gewicht einigermassen unten halten. Ich war nicht dünn, aber ein paar Kilo brachte ich mit dem Drill runter. Nur blöd, dass dies nun hiess, dass ich den Drill ein Leben lang aufrecht erhalten müsste, um diese paar Kilos unter grösstem Kraft- und Willensaufwand unten zu behalten. Irgendwie ein hoher Preis, um einer fremden Nachbarin, symbolisch ausgedrückt, zu gefallen. Irgendwie am Ziel vorbei.
Denn ganz egal, was mein Gewicht jeweils war, innerlich war meine Haltung zu mir selber, und mein generelles Glücksgefühl, immer genau gleich mies. Da änderte keine kleinere Hosengrösse etwas daran. Und doch dachte ich ständig, dass es “nur noch ein bisschen” weniger sein müsste, und dann, DANN wäre ich dann wohl glücklich. Irgendwo musste das Glück doch sein!
Ich hinterfragte gar nicht, ob es Sinn macht, sich Glück auf solche Art überhaupt verdienen zu müssen, und schon gar nicht, ob es nicht eher glückszerstörend ist, sich selber so grausam zu behandeln. Leiden, das musste der Weg zum Ziel sein, oder?

Ich brachte die Selbstquälerei auf eine ganz neue Ebene. Nur noch abends war essen erlaubt. Täglich mindestens 90 Minuten Ausdauersport. Anfänglich gab es noch Ruhetage. Anfänglich. Diese gibt es seit Jahren nicht mehr. Bei Fieber und mit Rückenschmerzen, egal. Leiden muss sein. Die Angst wurde immer grösser, und ich versklavte mich ihr unbewusst immer mehr. Mein Essen wurde immer zwanghafter. Natürlich war ich abends jeweils so hungrig, dass ich tägliche Essattacken erlitt, für die ich mich tags darauf wieder mit Nachdruck bestrafte und den Teufelskreis so stetig aufrecht erhielt. Ich war überzeugt, dass ICH der Fehler bin, dass ICH es nicht im Griff habe, dass ICH mich nicht kontrollieren kann beim Essen, dass in mir drin ein dickes Kind hockt, dass nur darauf wartet, dass ich die Kontrolle loslasse. Dass ich praktisch über Nacht zum Fass werden würde. Und statt einer Nachbarin dann die ganze Welt über mich lachen würde.

Diese Angst ist, ganz tief unten, immer noch da. Ich verstehe mich nun viel besser, sehe, wie ich der Angst Untertan geworden und meinen eigenen Stoffwechsel so völlig in die Wüste gefahren habe. Wie ich mein Leben lang in einem inneren Stress verbringe, mich noch mehr anstrengen will, um “es” zu schaffen, um endlich dazuzugehören. Und ich sehe nun, dass dies nur von einer ganz grundsätzlichen, urmenschlichen Angst zeugt: Dass wir abgelehnt werden können. Dass wir verletzt sind und unsicher, dass wir uns fürchten, wieder verlassen zu werden. Und dass wir – jeder auf seine Art – mitunter absurd viel dafür tun, um diesen schlimmen Gefühlen auszuweichen. Bei mir ist es am Thema Essen/Sport aufgehängt, bei anderen bei Shopping, Alkohol, Sex, Arbeit oder Drogen. Es ist letztlich immer dasselbe.

Wir möchten alle geliebt werden. Und der Weg dazu führt am schwierigsten Hindernis vorbei: Sich selber zu lieben. Und das heisst, aufräumen. Die alten Wunden ansehen, die toxischen Gefühle endlich frei zu lassen, sich ihnen zu stellen, und zu heilen.

Das ist schwieriger für mich als jede Diät.

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