Nach meinem Text darüber, warum mir Muttertag dieses Jahr zum ersten Mal etwas bedeutet hat, erhielt ich unglaubliche viele bewegende Rückmeldungen. Danke! Hat mir glatt die Sonne an den episch verregneten Sommerhimmel gehängt.
Was mich aber masslos erstaunte, war die schiere Häufigkeit einer einzigen Frage, die in so vielen Nachrichten auftauchte:

“Wie hast du deiner Mutter verzeihen können?“

Steilpass.
Nun… Diese Baustelle ist noch nicht ganz aufgeräumt; sie ist verdammt vielschichtig und zudem hast du kaum 14 Tage Zeit, um dich durch alle Verschlängelungen dieser komplexen Geschichte zu lesen. Da ich aber eine ehrliche Antwort geben will, nehme ich meinen Vater als Beispiel. Durch seine grossartige Abwesenheit gibt’s da einen gewissen Mangel an Material, also ist das Ganze einiges einfacher zu erklären.
(Und nehmen wir uns einen Moment, um die Hübschheit des Faktes zu schätzen, dass ausgerechnet heute… tadaaaa, Vatertag ist. Irrsinnig schön eingefädelt, nicht?)
Ahem.
Das könnte eine längere Sache werden, schliesslich braucht ihr ein bisschen Hintergrundgeschichte, um das grosse Bild zu sehen. Überhaupt! Ihr habt es ja gewollt. 🙂

Nun. Mein Vater.
Der Mann, der schon vor meiner Geburt einen Abgang gemacht hatte.
Ich verachtete ihn, dass er mich mit einer Mutter alleine liess, die unberechenbar und alkoholsüchtig war und obendrein ein gefährliches Doppelleben führte; bis am frühen Nachmittag war sie jeweils die blitzgescheite, schöne und gepflegte Privatsekretärin… und danach, daheim, die Andere.
Ich hasste ihn dafür, dass er tat, als wisse er nichts davon und es jedesmal überhörte wenn ich ihn anbettelte, mich bittebitte bei sich leben zu lassen.
Zu jener Zeit war ich mir jedoch überhaupt nicht bewusst, wieviel Verachtung in mir begraben lag, denn bis meine Mutter starb, verehrte ich meinen Vater wie einen unerreichbaren Popstar. Ja, je mehr sie jeweils mit alkoholgelähmter Zunge beteuerte, er sei ‘das mieseste Exemplar menschlicher Existenz’, desto mehr stellte ich ihn auf ein Podest.

Die Tatsache, dass er ‘mich nicht wollte’, war zu schmerzhaft.

Also glorifizierte ich ihn.
Viel wusste ich ja nicht über ihn, aber ich war mir sicher: dieser Mann musste der coolste Mann der Welt sein.
Seine schönen Hände. Der massive Silberring, den er trug. Wie er sich so nachlässig-aber-voll-mondän kleidete. Seine elegante Handschrift. Der Geruch seines Aftershaves (Chanel Antaeus). Seine trendy rote Rundbrille… Seufz. Und obendrauf die Tatsache, dass er mich sogar zu McDonalds ausführte (ein völliger No-go mit meiner diätbesessenen Mutter)… Ich meine, war doch klar, dass das Superman sein musste?

petersunnyboy

Es kam nicht oft vor, aber wenn ich Glück hatte und es ihm in den Kram passte, nahm er sich die Zeit und ich durfte an einem Samstag bei ihm übernachten gehen. Ich war im Himmel.
Ich erinnere mich, wie ich in seinem Wohnzimmer vor diesem antiken Holzsideboard sass, seine riesigen Kopfhörer über den Kinderohren, und seine tollen Platten hörte. Ich glaube, ich muss Tage mit John Lee Hooker, Eric Clapton und den Dire Straits verbracht haben. Ich weiss noch, wie ich mit der Kordel der Kopfhörer spielte, den Geruch seines Vanilletabaks in der Nase, und davon träumte, so ein Leben zu haben. Bei einen Vater mit so abgefahrenen Platten (daheim gab’s nur Klassik, für mich war das krass moderne Musik!), mit so viel (verstörend interessanten) offensiv-sexualisierten Comics, mit all den aufregenden—mehr als leicht erotischen—Bildern an den Wänden, mit seinen bildhübschen Freundinnen, mit seinem immensen Wissen über scheinbar alle Dinge…
Ich stellte mir das himmlisch vor, mit ihm hier, in dieser schicken, retro-aber-doch-modern-und-obendrein-gemütlichen Wohnung, die immer so fein roch, leben zu dürfen.
Und erwähnte ich seinen Kühlschrank? Ich fiel fast in Ohnmacht, als ich zum ersten Mal da rein blickte: Ketchup! Nutella! Erdnussbutter! Cola! Ohhhhgottohgott, all meine Freunde an einem Ort!

Ich konnte mir nicht eingestehen, dass es ihm nicht hätte ferner liegen können, sich richtig auf mich einzulassen. Denn natürlich kam ihm meine Bedürftigkeit äusserst ungelegen; er wollte seine Dinge mit niemandem teilen und seine Freiheit opfern wollte er schon gar nicht. Was ihm gefiel waren schöne (selbstverständlich schlanke) Frauen, möglichst zahlreiche Reisen und möglichst wenig Verpflichtung. Meine Seele tat, was jede Kinderseele tut; sie speichert sowas ab unter: Das muss an mir liegen. Ich nahm an, einfach nicht hübsch genug  und wertvoll genug für die Liebe eines so coolen Vaters zu sein.

Naja, ich fand ihn schnell nicht mehr so cool, als ich für zwei Jahre übergangsmässig bei ihm lebte, nachdem meine Mutter gestorben war. Ich war ein Teenager und noch zu jung, um alleine wohnen zu dürfen, also ‘musste’ er mich aufnehmen, und genau so fühlte es sich auch an. Ich war ein unwillkommener Gast.

Es ging nicht lange bis ich seine verletzende Seite kennen und fürchten lernte: seine urplötzlichen aggressiven Reaktionen, seine herablassende Kälte, seine sarkastischen Sprüche über Dinge, die ich tat oder sagte, seine Art, meinen Körper, mein Aussehen, mein Essen, meine Kleidung spöttisch vernichtend zu kommentieren.
Ich bekam ihn zu sehen, den König bösartiger Kommentare anderer Leute Meinungen oder Wertvorstellungen, den König des Belächelns aller mit weniger dekorativen Bildungshintergründen, den König des Geizes, den König der Unberechenbarkeit und den König des Frauen-auf-Distanz-haltens. Es war nicht leicht zuzuschauen, wie er seine Freundinnen zu Tränen bringen konnte mit seinen herablassenden, respektlosen Bemerkungen.

Vorhang auf für meine Verachtung für ihn.

Er war viel auf Reisen, darum war ich immer wieder für längere Zeit alleine in seiner Wohnung. Rückblickend finde ich, es ist ein Wunder, dass ich in der Pubertät nicht leise abstürzte und es stattdessen irgendwie fertig brachte, alle grossen Entscheidungen meines Lebens ohne elterliche Unterstützung zu fällen; du weisst schon, Karrierewahl, erster Freund, was für Kleidung wählen für den ersten Tag in der Banklehre, mit Gefühlen umgehen…
Und natürlich zog ich dort so schnell ich konnte wieder aus.

Während den nächsten 20 Jahren oszillierte ich zwischen hasserfüllten Racheträumen und einer entwürdigenden Suche nach seiner Anerkennung.
Da er nie damit umgehen konnte, dass man etwas von ihm will oder braucht, musste ich um jeden Preis vermeiden, ihn je um Unterstützung, Ratschlag oder—umhimmelswillen!!—Geborgenheit zu beten. Ich machte also ganz automatisch einen auf unabhängige Low-Maintenance-Tochter.

Seine hübschen schlanken Partnerinnen zu sehen, war für mich in all den Jahren ein klares Zeichen dafür, dass ich optisch schlicht ungenügend war.
“Meine Mutter muss recht gehabt haben, als sie mich dick und hässlich nannte“, dachte ich je länger je häufiger, denn ja… ich meine, mein Vater schien sich ja auch zu schämen für mich. Um seinem Standard entsprechen zu können, tat ich, was ich ja schon von früher gut kannte: Meinen Körper zurechtstutzen, Essregeln aufstellen, immer mehr trainieren—mein Aussehen ‘verbessern’.

Als ich es schaffte, ziemlich viel abzunehmen und meine Karriere als Radiomoderatorin zu blühen begann, zeigte er plötzlich Interesse—oder sagen wir es so: er begann, bei seinen Kollegen aufzuschneiden, was er für eine tolle Tochter hat. Ich war quasi seine Erfolgsgeschichte. Er rief mich alle zwei, drei Monate an, um das Neueste zu erfahren und mir väterliche Unterstützung zu versprechen.—Ein recht billiger Verrat, denn kaum hatte er jeweils die Informationen, die er seinen Leuten weitererzählen konnte, vergass er seine Versprechungen wieder. Egal, wie viel Kilos ich verlor, wie sportlich ich war, wie ich mich für ihn verbog oder mich selber verleugnete, er blieb emotional unverfügbar.

Über die Jahre wurde etwas in mir drin sehr kalt und sehr hart und ich begann, auf Eisernen Vorhang zu machen, wenn er unausstehlich war. Ich schwor mir jeweils, ihn nie mehr an mich heran zu lassen und begann, die Brücken abzubrechen. Scheiss auf den und seine Freunde“, dachte ich mir dann. Ich habe es aus eigener Kraft bis hierhin geschafft, so etwas wie ihn brauche ich in meinem Leben nicht!Ich zog das dann natürlich auch durch—in der Regel für ein Jahr oder zwei—, bis die Hoffnung auf väterliche Liebe mich wieder übermannte. Früher oder tauchte er nämlich immer wieder auf, lächelte bezaubernd und sagte mir, er habe mich vermisst. (“Jetzt! Jetzt! Jetzt!“, frohlockte dann mein hungriges Herz, er hat es eingesehen!“ Und natürlich schmolz ich jedesmal, natürlich liess ich jedesmal meine Würde in einer Ecke liegen, natürlich vergass ich jedesmal meine Vorsätze… Jedes verdammte Mal.) Ich hätte alles gegeben, mich in sein Herz stehlen zu können.
Nur… schien das leider nie zu klappen, denn spätestens beim zweiten Kaffee war er wieder herablassend, gelangweilt oder schroff. Wieder Zeit für Kalten Krieg… Auf repeat.

Ich war voll von glühender, versteckter Verachtung.
Ich war süchtig danach, endlich zu meinem Recht zu kommen. Süchtig danach, ihn reuevoll in die Knie zu zwingen. Ich schwor, eines Tages auf seinem Grab zu tanzen.
Es ist mir ein bisschen peinlich einzugestehen, wie selbstgerecht ich argumentierte, wie schnell ich Anschuldigungen parat hatte und wie gerne ich schlecht über ihn redete. Er hat es alles kolossal vergeigt. Egal, wie dringend ich ihn brauchte, er hat nie auch nur einen Finger gerührt. Er vergisst sogar meinen Geburtstag. Ein kaltherziges, ignorantes, narzisstisches Arschloch.“ Und jede Wette; alle, die ihn und die Geschichte kannten, stimmten zu: “Er ist dein verdammter Vater. Wieso kann er sich nicht einfach benehmen? Wenigstens müsste er sich endlich entschuldigen für sein grandioses Versagen.” Ja! Logisch, oder? So einfach kam der mir nicht davon.

Und derweil… tja, blieb er so, wie er immer gewesen war.

Und was fast noch peinlicher ist: So wütend ich auch war, ich hatte immer noch Angst vor seiner Ablehnung, und ich schaffte es trotzdem nicht, ihm gegenüber mich selber zu sein und zu mir zu stehen.

Ganz tief in mir wollte ich nur eins. Seine Anerkennung. Tief unten, dort wo auch der fundamentale Mangel an Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstwertgefühl sass. Darum steckte ich in dieser grimmigen Opferhaltung fest und hielt stur an der Überzeugung fest, dass er derjenige war, der den ersten Schritt zu machen hatte.

Spulen wir vorwärts.
Heute liebe ich diesen knorrigen Menschen. Und er ist immer noch der Gleiche.
Was sich verändert hat, ist meine Einstellung.

Und heute weiss ich auch, warum es so furchtbar lange gedauert hat, bis ich ihm wirklich vergeben konnte:
Ich hatte versucht, ihm gedanklich zu vergeben. Ich hatte versucht, ihm mit Gesprächstherapie zu vergeben. Ich hatte versucht, mehr über Vergebung zu lesen. Ich hatte versucht, ihm mit Affirmationen zu vergeben. Ich hatte die spirituelle Umfahrung versucht (‘so n’bisschen meditieren und vom Status Quo direkt in göttliche Liebe für alle Wesen rüberschweben… bliiiing!’). Nützte alles nix. Ich brachte meine Anschuldigungen ihm gegenüber einfach nicht aus meinem Kopf. Alles, was ich sah, war mein Mangel an Liebe, meine vernachlässigten Bedürfnisse, mein armes Tochterherz. Es war eine sehr kopfige Angelegenheit und es war haufenweise Schwarz-Weiss-Denken und seeeehr wenig Emotion mit im Spiel. Ich hatte nämlich null Mitgefühl mit ihm, und auch nur sehr wenig wirkliches Mitgefühl mit mir selber.

Ich sags ungern, aber echt jetzt:

Es gibt keine Abkürzung zu echtem Verzeihen.

Wie das Leben halt so tut, musste auch ich zuerst grässlich tief im Schlamm stecken um bescheiden genug zu werden, dass ich mit meinen herkömmlichen Mitteln offenbar nicht wirklich erfolgreich operierte und über meinen inneren Gartenzaun hinweg blicken musste. Das war im November 2014. Alle meine Mauern waren eingestürzt und ich war mit meiner—haha!— ‘Weisheit’ am Ende. Mein Gewicht war gefährlich tief und mein Körper begann immer lauter zu leiden von all dem Ess-Irrsinn un dem exzessiven Sport, den ich ihm jahrelang zumutete. Mein Leben hatte für mich weder einen Sinn noch wusste ich weiter. Ich war fast rund um die Uhr innerlich gelähmt vor Angst und sehnte mich nur noch danach, dass diese miese Show endlich zu Ende sein könnte.

Ich fing an, mir Youtube-Videos zu Themen wie Selbstwertgefühl, Authentizität, Resilienz und Emotionen zu schauen, und nachdem ich alles, was ich von Dr. Brené Brown wie Löschpapier aufgesogen hatte, stiess ich plötzlich auf gigantisch viel Material zum Thema Achtsamkeitsmeditation (‘mindfulness meditation’) und was dies alles bewirken konnte.

Was zum Teufel… Meditation?

Da hatte ich ja nur massiiiive Widerstände dagegen… Wer will schon reglos rumsitzen und sich mit Nichtdenken herumzuschlagen währenddem der eigene Kopf tollwütig vor sich hin tobt?? Doch—man glaubt es kaum—ich war bescheiden genug ein paar Türen in meinem Kopf zu öffnen und es wenigstens zu versuchen. Und weiterzuversuchen.
Als ob ein Teil von mir haargenau wusste, dass ich da den Schlüssel zu meiner eigenen Heilung in den Händen hielt. Ich zog mir die Videos von zig verschiedenen Meditationslehrern rein, die alle—in leicht anderen Worten—von einer Tatsache redeten, die mir so jenseits vorkam, dass ich es zuerst nicht recht glauben konnte:

Wie bitte? Meine Gedanken und ich sind nicht eins?
Wie bitte
? Man kann zwischen zwei (bei mir ständig rasenden) Gedanken eine Pause einschalten?
Wie bitte? Emotionen wollen nur “wie Wellen” (!?) durch einen durchfliessen, und erst das ganze Aufstauen macht sie problematisch?
Das machte mir eigenartig Mut.
Also entdeckte ich im Verlauf der nächsten Monate irgendwo in mir drin—wenn ich es schaffte, meinen Kopf still werden zu lassen—dass ich auch höchsten emotionalen Wellengang, vor dem ich ja ständig auf der Flucht war, Schritt für Schritt durch mich hindurch spülen lassen kann, ohne darin zu ertrinken.

In der gleichen Zeit begann es mir auch einzuleuchten, dass es nur mir selber zusetzte, einen Groll so lange mit mir herumzutragen—ich trug ihn ja mit mir herum!

Groll mit uns herumtragen ist wie das Greifen nach einem glühenden Stück Kohle, in der Absicht, es nach jemandem zu werfen; man verbrennt sich dabei nur selbst. (Siddhartha Gautama)

Und das hiess auch, dass ich wie ein Opfertier davon abhängig blieb, dass er sich endlich veränderte, dass er mir endlich die nötige Liebe gibt.
Mit all dem startete meinen Weg, mich selbst zu hinterfragen. Dabei lernte ich etwas, was mir vorher nicht erschlossen war:

Glücklichsein kommt von innen, nicht von aussen.

Ich musste anfangen, mich selber lieben zu lernen.
Ich musste einsehen, dass ich meine schwierigen Gefühle nicht mehr umfahren konnte, wenn ich dieses Wunder je verwirklichen wollte. Ich musste aufhören, vor dem Schmerz davonzurennen. Also machte ich mich schlau, wie so ein Verarbeitungsprozess ungefähr aussehen würde. (—schluck!)

“Vergeben” war damals gar nicht mein Fokus. Das war mir sogar das Unwichtigste überhaupt, denn eigentlich wollte ich nur, dass es mir endlich wieder besser geht. Und ich wusste, dass ich verdammt viel Arbeit vor mir hatte. Arbeit, die offensichtlich bis heute andauert. Aber ich musste ja irgendwo anfangen, nicht? Also kam irgendwann auch das Thema Vater auf den Tisch, und in jenem Prozess stolperte ich eigentlich recht überraschend auf das Gefühl des “Vergebens”. Es war plötzlich einfach da, und das Ganze ging so:

Ich hatte erstmal null Ahnung, was alles dabei rauskommen würde, aber ich begann aufzuschreiben, wieso ich meinen Vater so verachtete. Was er getan hatte, gesagt hatte, nicht getan hatte und nicht gesagt hatte. Alles auf Papier. Das brauchte so seine Zeit, und erst, als mir nichts mehr in den Sinn kam, legte ich den Stift nieder und legte die Blätter auf den Boden. Dann setzte ich mich hin und schloss meine Augen und dachte darüber nach was diese Erinnerungen für mein Leben bedeuteten. Und dann war ich endlich mutig genug, den ganzen stinkenden Emotionshaufen hochkommen zu lassen.
Und Mannomann, kam der hoch.
Ich spürte, wie meine Arme immer wärmer und wärmer wurden, bis sie vor Hitze zu platzen schienen und ich mich wie eine menschliche Laserkanone fühlte, konstruiert, um die Sonne zu versengen. Wut, meine Freunde, blanke Wut. Und zum ersten Mal rannte ich nicht mehr davon sondern stellte mich ihr: Ich stellte mir vor, er sässe mir gegenüber (mein Kissen musste als Platzhalter herhalten) und ich liess mich wüten.
Mein Hals produzierte recht imposantes, hasserfülltes Knurren und ich brüllte alles Vernichtende aus mir raus. Von ganz tief unten stieg das Gift auf, das nur eines wollte: ihm alles doppelt und dreifach heimzuzahlen. Ich fand es auch durchaus angebracht, meinen Kissenvater zu mit Fäusten und Zähnen zu malträtieren, so übel verfluchte ich ihn für seinen emotionalen Bankrott.
—So schlimm das klingt, es war nicht wirklich schlimm; es war mehr, als würde eine ungestüme Lebenskraft durch mich hindurch gewittern. Es ging kaum länger als ein paar Minuten und meine Wut war verpufft, weg, im Nichts verschwunden.
Dann zeigte sich jedoch ein anderes Gefühl.
Mein Hals begann sich zuzuschnüren. Plötzlich fühlte ich mich entsetzlich schuldig dafür, was ich ‘ihm’ soeben angetan hatte und konnte mir anders, als leise vor mich hin zu flüstern: Es tut mir leid. Es tut mir so leid!“
Und genau danach spürte ich, was unter all der Wut versteckt gewesen war.
Da stieg eine unsagbare Traurigkeit in mir hoch, ein Gefühl von erdrückender Sehnsucht.

Das rohe, unüberspielte Sehnen einer Tochter nach ihrem Papa.

Als ich da auf dem Boden sass und nach meinem Vater heulte, kam mir parallel immer wieder in den Sinn, wie lächerlich das Ganze wohl aussehen musste, falls mich jetzt jemand sehen würde. Aber da war niemand. Ich war mein eigener Richter, und jetzt war nicht die Zeit für Peinlichkeit. Jetzt war die Zeit, mit der Welle echter Traurigkeit mitzuschwimmen, und sie ziehen zu lassen. Also liess ich mich weinen und nach meinem Vater rufen.
Als sich das alles langsam legte, spürte ich urplötzlich ein völlig unerklärliches Mitgefühl. Wo vorher Wut, Verachtung und Kälte gewesen waren, war plötzlich, ich weiss nicht… Klarheit.

In all der Aufgebrochenheit meines Herzens sah ich ihn zum ersten Mal anders und—hat da einer von unerwarteten Resultaten geredet?—fühlte Liebe für ihn.

Ich verstand, dass mein Vater seine eigene schwierige Geschichte mit seiner Mutter hat und selbst so viel unverarbeiteten Dreck mit sich herum trägt, dass er selber mit einer verhärmten Opferhaltung durchs Leben geht.

In den Folgemonaten fing sich meine Sicht auf meinen Vater an zu verändern. Ich begann in seinen Ausbrüchen, seinen Absenzen, seinen sarkastischen Bemerkungen und seinem Drang, Recht zu haben, seine eigenen, unverdauten Geschichten zu erkennen. Ich begann den Jungen in seinen Augen zu sehen.

1950-004

Einen süssen Jungen mit einer Menge Verletzungen in seinem Herzen.

Und ich sah, dass seine Art, ein Vater für mich zu sein, das Beste war, was er geben konnte. Es war mir plötzlich klar, und zwar ohne jeden Zweifel, dass alles, was er je tat oder nicht tat, nie etwas mit mir oder meinem Wert als Tochter zu tun gehabt hatte. Mag sein, dass er mir seine Zuneigung nie so wird zeigen können, wie das kleine Mädchen in mir es sich wünscht, aber ich zweifle nicht mehr daran, dass er mich trotz alledem liebt.—Auf seine Art und so gut er kann.
Was ebenfalls passierte, als ich meinen Hass auf ihn aus mir rausgewaschen hatte, war, dass ich plötzlich keine Erwartungen an ihn mehr hatte. Ich liess ihn einfach sein.
Meine Angst vor ihm verschwand in dem Moment, als ich gesunde Grenzen für mich zog. Heute kann ich ‘nein’ sagen.
Bei aller Liebe; es hat keiner gesagt, dass ich seine Launen einfach über mich ergehen lassen oder ihn zu jeder Zeit toll finden muss. Wenn er unausstehlich ist, erinnere ich mich daran, dass es nicht um mich persönlich geht, und ich dann sage ich ihm jeweils drei Dinge: Dass ich so keine Lust habe, mit ihm zu kommunizieren, dass ich mich ein anderes Mal wieder bei ihm melde, und dass ich ihn trotzdem lieb habe.
Funktioniert bestens.

Wenn es schwierig wird, denke ich wieder an den Jungen, den er einmal war. Und dann ist es plötzlich wieder ganz einfach und sogar verdammt wunderbar, ihm zu sagen:
He du, ich liebe dich. Du bist ein guter Kerl.

Weisst du was? Ich wette, dass er das vorher nie zu hören bekommen hat. Höchste Zeit.

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